Meinung

Wie wird die strategische Niederlage der ukrainischen Streitkräfte im Donbass aussehen?

Letztes Wochenende häuften sich in den westlichen Medien Berichte, wonach die ukrainischen Streitkräfte in Sewerodonezk eine Gegenoffensive gestartet und der russischen Armee eine "entscheidende Niederlage" bereitet hätten. Was geht wirklich an diesem Frontabschnitt vor, warum ist man in Kiew gezwungen, solches Geflunker zu erfinden, und was wird passieren, wenn die ukrainischen Verteidigungslinien an dieser Stelle durchbrochen werden?
Wie wird die strategische Niederlage der ukrainischen Streitkräfte im Donbass aussehen?Quelle: AFP © Ronaldo Schemidt

von Jewgeni Krutikow

Es begann wie immer mit Alexei Arestowitsch. Der Berater vom Leiter der Administration des ukrainischen Präsidenten erklärte Ende letzter Woche, die Kapitulation von Sewerodonezk sei eine listige Operation der ukrainischen Streitkräfte gewesen, um russische Truppen in die Stadt zu "locken". Daraufhin soll die Ukraine eine Gegenoffensive von Lissitschansk aus gestartet haben, mit den Kräften der zuvor entsandten Reserve, einschließlich des Sondereinsatzkommandos des Verteidigungsministeriums. In der Folge gelang es den ukrainischen Streitkräften angeblich, fast die Hälfte der Stadt zurückzuerobern und sie beiläufig zu zerstören. Anschließend sollen die ukrainischen Truppen Sewerodonezk wieder verlassen haben.

Als Erstes muss gesagt werden, dass nichts von dem oben Genannten grundsätzlich geschehen ist. Das Einzige, was hier zutrifft, ist, dass die ukrainischen Streitkräfte große Truppenreserven an diesen Frontabschnitt verlegt haben, möglicherweise die letzten. Allerdings nicht nach Sewerodonezk, sondern an die Linie Bachmut-Soledar-Sewersk. Eine Verlagerung von Verstärkung direkt nach Sewerodonezk, genauer gesagt in das Gebiet der Fabrik Asot, ist schlichtweg unmöglich, denn die einzige Brücke über den Donez, die noch einigermaßen in Ordnung ist, kann nicht mehr mit schwerem Gerät befahren werden. Der Autotransport mag noch irgendwie durchkommen, doch die Brücke bleibt in jedem Fall unter der Beschusskontrolle der russischen und der LNR-Streitkräfte.

Infolgedessen hat sich ein "neues Mariupol" gebildet, eine weitere Umzingelung der ukrainischen Truppen durch die Streitkräfte der Russischen Föderation. Nach dem Rückzug, und eigentlich nach der Flucht in die Asot-Fabrik, versuchen die Einheiten der ukrainischen Streitkräfte, sich in ein paar Wohnblocks am Rande des Industriegebiets (Bezirk der Bogdan-Lischiny-Straße) zu halten. Dieses Territorium (Wohnblocks in "nummerierten" Stadtvierteln – eine genaue Kopie von Mariupol) verwandelt sich allmählich in ebendieses Mariupol. Bemerkenswert ist, dass einige westliche Medien behaupteten, der Vormarsch der russischen Truppen in Sewerodonezk sei angeblich aufgehalten worden, weil die russische Armee in der Stadt keine Artillerie eingesetzt habe. Also wird die Stadt doch von ukrainischer Artillerie zerstört? Und dieses Geheimnis ist sogar dem Wall Street Journal aufgegangen.

Danach begann Arestowitsch, gefolgt vom ukrainischen "Oberhaupt" der Region Lugansk, Sergei Gaidai, seine Aussagen allmählich zu korrigieren. Arestowitsch begann "einzuräumen", dass die ukrainischen Streitkräfte nirgends die Möglichkeit haben würden, Sewerodonezk zurückzuerobern.

Weshalb war es dann erforderlich, einen entscheidenden Gegenangriff zu "skizzieren"? Es stellte sich Folgendes heraus. Nach der Darstellung der Kiewer Propagandisten wurde dies getan, um die russische Armee in die Stadt zu locken und sie dann dort zusammen mit der Stadt zu vernichten. Das strategische Ziel: die russische Armee zu "zermalmen", um ihren Vormarsch anzuhalten. Zu "zermalmen" – das heißt mit der Zivilbevölkerung von Sewerodonezk. Und nun behauptet Arestowitsch, dass die ukrainischen Streitkräfte irgendein Viertel in der Nähe des Industriegebiets kontrollieren.

Doch entweder glauben die westlichen Medien alles, was die Kiewer Propagandisten von sich geben, oder sie nehmen die Realität einfach nicht wahr. Selbstverständlich braucht Kiew dringend einen Sieg auf lokaler Ebene, aber bisher ist das nur Gerede.

Die Realität sieht folgendermaßen aus. Sewerodonezk (genauer gesagt die Industriezone) ist noch nicht operativ eingekesselt. Die alliierten Streitkräfte, die russischen Streitkräfte und die LNR-Miliz, kämpfen nicht in der unmittelbaren Agglomeration von Sewerodonezk-Lissitschansk, sondern nördlich und südlich davon. Keiner plante, Lissitschansk frontal zu stürmen.

Im Norden läuft eine Säuberung des bewaldeten Massivs mit dem Zugang zu Sewersk. Eben die Besetzung von Sewersk würde die operative Einkreisung von Sewerodonezk und Lissitschansk bedeuten.

Südlich – aus dem Bezirk von Popasna und Swetlodarsk – wird eine Offensive gegen Bachmut und Soledar durchgeführt. Es gibt Angaben, dass gerade in diesem Gebiet es den russischen Streitkräften gelungen ist, die Verteidigung der ukrainischen Streitkräfte zu durchbrechen und entscheidende Vorstöße nach Bachmut zu vollziehen. Das Ziel muss nicht unbedingt nur der Zugang zu Bachmut sein, obwohl es ebenfalls gut ist, die Stadtquartiere in den Griff zu bekommen, aber vor allem die Kontrolle (zumindest Beschuss) über die wichtigsten Straßenkreuzungen.

Am Sonntagabend war die Gefahr für die ukrainischen Streitkräfte in diesem Gebiet so groß geworden, dass man begann, Einheiten aus Kramatorsk dorthin zu verlegen. Mit anderen Worten: die letzten Reserven, welche zur Verteidigung der Agglomeration Slowjansk-Kramatorsk selbst vorgesehen waren. Zugleich dringen die russischen Truppen im nördlichen Abschnitt weiter durch die Verteidigung der ukrainischen Streitkräfte, und das bereits in unmittelbarer Nähe von Slowjansk.

Anders gesagt sind die Vernichtungsschlachten in der Nähe des Industriegebiets von Sewerodonezk jetzt nicht mehr entscheidend für die Entwicklung. Dasselbe gilt für die Blockade von Lissitschansk. Die Säuberung des Industriegebiets von Sewerodonezk und Lissitschansk sowie anderer Siedlungen am Ostufer des Donez wird höchstwahrscheinlich erst nach dem vollständigen Zugang zum Stadtrand und der eigentlichen Blockade der Stadt beginnen.

Entscheidend wurde die Kontrolle der Strecke Sewersk – Bachmut – Lissitschansk entlang der Front. Aufgrund einiger Meldungen gleicht das Geschehen nördlich von Soledar in Richtung Bachmut einem Massaker für die ukrainischen Streitkräfte – dank eines massiven Einsatzes von Artillerie und Luftangriffen von russischer Seite.

Die Versuche der ukrainischen Streitkräfte, auf diesem Abschnitt (und nicht in Sewerodonezk) eine Gegenoffensive bei Belogorowka und Berestowoje zu starten, haben bisher nur zu verheerenden ukrainischen Verlusten geführt (bis zu 90 Prozent des Personals in einigen Einheiten).

Nach der Logik desselben Arestowitsch und einiger anderer Kiewer Sprecher besteht die Hauptaufgabe der ukrainischen Streitkräfte in dieser Richtung darin, eine erneute Offensive der Alliierten "aufzuhalten". Anschließend sollte irgendwie eine "operative Pause" beginnen, in der Kiew eine neue Aufstellung vornehmen wird, ausgerüstet vor allem mit westlichen Waffen.

Und zwecks Erreichung dieses strategischen Superziels dürfte wohl nicht nur die Garnison des Asot-Werks und danach von Lissitschansk, sondern auch die örtliche Bevölkerung geopfert werden. Die "Mariupol-Taktik" in ihrer ganzen Pracht. Hier kann beliebig mit den Worten gespielt werden ("Evakuierung" statt Kapitulation und jetzt "russische Truppen in die Stadt locken" statt Flucht aus Sewerodonezk), im Wesentlichen ändert das nichts.

Und dies bei der Tatsache, dass es seit einer Woche nicht möglich ist, die Gruppe in Lissitschansk und im Asot-Werk vollständig zu versorgen. Lediglich einzelne Fahrzeuge oder Versorgungsgruppen können sich entlang der beschossenen Strecke und über die eine beschädigte Brücke durchschlagen. Noch Mitte Mai konnte sich die ukrainische Garnison auf regelmäßigen Nachschub durch Bachmut verlassen.

Niemand sagt, dass die Frage der Umzingelung der ukrainischen Gruppierung mit anschließendem Zugang zu Slowjansk und Kramatorsk endgültig entschieden ist. Die Gefechte sind sehr heftig, da die Situation für die ukrainischen Streitkräfte jetzt kritisch ist: Sollten sie die Front entlang der Linie Bachmut-Soledar-Sewersk nicht halten können, kann man von einer strategischen Niederlage sprechen, welche das Ausmaß von Mariupol übertrifft. Kiew versucht jedoch mit allen Mitteln, diese Position noch einen Monat lang zu halten, bis westliche Waffen eintreffen und einige neue Truppen gebildet werden, offenbar aus Rekruten, Zivildienstleistenden und Polen.

Einstweilen beruht die Aufrechterhaltung der Moral in den ukrainischen Streitkräften hauptsächlich auf propagandistischen Geschichten über einen "Gegenangriff in Sewerodonezk". Übrigens sind diese Nachrichten wahrscheinlich für das westliche Publikum gedacht, denn es sind die westlichen Medien, die sie so aktiv verbreiten. Schließlich ist die Rede von Waffenlieferungen aus dem Westen, und nicht jeder in Europa ist bereit, sich auf der Seite des Kiewer Regimes in einen Krieg hineinziehen zu lassen. Diese Dissidenten müssen wohl von den Erzählungen über die "Erfolge" der ukrainischen Armee beeinflusst werden.

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Jewgeni Krutikow ist ein politischer und militärischer Beobachter bei Wsgljad. Er war zu Beginn der 1990er Jahre Assistent des Premiers und des Befehlshabers der Nationalgarde Südossetiens, dann im Heer der Republika Srpska.

Übersetzt aus dem Russischen

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