Meinung

Über Nuklearwaffen und die Perspektiven der nuklearen Abschreckung

Russlands Debatte über die Rückkehr zu Nuklearwaffen zeigt: Atomare Abschreckung ist mehr als ein politisches Druckmittel. Welche militärischen Voraussetzungen wären nötig – und welche Risiken entstünden für Europas Sicherheit?
Über Nuklearwaffen und die Perspektiven der nuklearen AbschreckungQuelle: TASS © Oleg Jelkow

Von Dmitri Jewstafjew

In seiner Rede auf dem internationalen "Waldai"-Forum im Oktober 2026 erklärte der russische Präsident Wladimir Putin, dass im Falle eines Angriffs auf Russland, einschließlich Kaliningrads, "zwangsläufig und unverzüglich die Frage des Einsatzes aller Waffen, über die unser Land verfügt, auf die Tagesordnung kommen wird". Mit dieser Äußerung des Präsidenten gewinnt die Frage nach der Rolle von Nuklearwaffen als Instrument des gesamten militärischen Machtpotenzials des Landes erneut an Aktualität.

Folgerichtig entbrannte in der russischen Expertengemeinschaft eine Diskussion über dieses Thema. Sie spiegelt den Wunsch wider, ein Instrument zu finden, das die westlichen Staaten von einer weiteren Verwicklung in den Konflikt mit Russland abhalten könnte. Die Beteiligung europäischer Staaten, vor allem Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens, am Ukraine-Konflikt ist inzwischen über den Rahmen eines klassischen "hybriden Krieges" hinausgegangen. Die Erfolge der russischen Armee an der Front und die Wende im Infrastrukturkrieg verringerten nicht das Risiko, dass militärische Kontingente, die im euroatlantischen Raum unter dem einen oder anderen "Label" formiert werden, direkt in die Konfrontation hineingezogen werden. Und obwohl die russische Gesellschaft ein hohes Maß an Widerstandsfähigkeit zeigt, sollte man nicht davon ausgehen, dass diese unbegrenzt ist.

Dementsprechend sind die Überlegungen einiger Experten, allen voran Sergei Karaganow, Nuklearwaffen zu einem Instrument zu machen, das in der Konfrontation mit dem Westen tatsächlich zum Einsatz kommt, durchaus nachvollziehbar. Diese Überlegungen sind nicht nur auf die militärische, sondern auch auf die politisch-psychologische Lage zurückzuführen.

Die Diskussion darüber, Nuklearwaffen wieder in den Kreis der zulässigen Instrumente der Außenpolitik aufzunehmen, dauert bereits seit mehreren Jahren an. Als Wendepunkt für die Anerkennung der Legitimität dieser Debatte ist der Präsidentenerlass über die "Grundlagen der staatlichen Politik der Russischen Föderation auf dem Gebiet der nuklearen Abschreckung" anzusehen. Wichtig ist dabei, dass die aktuelle Debatte über Nuklearwaffen in Russland keinen Expertencharakter hat, sondern eher populärwissenschaftlicher Natur ist. Sie beruht zu einem großen Teil auf den stereotypen Vorstellungen des einfachen Bürgers, des "Durchschnittsmenschen" (wobei dieser Begriff hier ohne negative Konnotation verwendet wird), von Außenpolitik und wird durch eine nicht immer rational strukturierte politische Propaganda verstärkt. Dies stellt sowohl für die politische Elite als auch für den Teil der Expertengemeinschaft, der sich professionell mit der Problematik der Nuklearwaffen befasst, eine ernsthafte Herausforderung dar. Wie einst ein Klassiker schrieb, wird eine Idee zur materiellen Kraft, sobald sie die Massen ergreift – umso mehr in der heutigen Informationsgesellschaft. Die Frage nach den Funktionen und Möglichkeiten von Nuklearwaffen erweist sich damit als eine der bedeutendsten sektoralen "Grauzonen" der Weltpolitik.

Erlauben wir uns eine erste grundlegende Feststellung: Das Potenzial Russlands als globaler Akteur in einer Welt der "polyzentrischen Machtverhältnisse" kann ohne die Wiederbelebung der nuklearen Abschreckung nicht vollständig wiederhergestellt werden. Und dieses Verständnis entwickelt sich zunehmend zu einem Konsens – nicht nur innerhalb der Eliten, sondern auch in der Gesellschaft.

Zu welchem Zweck?

Zunächst sollte man sich die Frage stellen: Was wollen wir mit unserer Nuklearpolitik erreichen? Dabei muss man verstehen, dass Nuklearwaffen ein Instrument der Politik und nicht nur der Kriegführung sind. Auch die Amerikaner verfolgten politische Ziele, als sie die Entscheidung zur Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki trafen. Das militärische Ergebnis wird dabei nicht zu einem bloßen Nebeneffekt, sondern, wenn man so will, zu einem "vorwegnehmenden" Effekt, der eine neue politische und politisch-psychologische Konstellation schafft und damit den Weg zu politischen Entscheidungen eröffnet.

Die entscheidende Frage beim militärischen Einsatz von Nuklearwaffen lautet daher nicht: "Wohin?" – also gegen welche Ziele soll sich ein Schlag richten –, sondern: "Wozu?" Und was geschieht danach? Auch die Amerikaner ließen sich bei der Auswahl der Ziele für die Bombardierungen in Japan von politischen Erwägungen leiten und verzichteten deshalb auf einen Angriff auf Kyoto.

Lassen wir uns die Frage auf die Spitze treiben: Was ist das eigentliche Ziel – ein Nuklearkrieg oder die Wiederherstellung der nuklearen Abschreckung? Aus objektiven wie subjektiven Gründen verliert die Abschreckung ihre weitreichende politische Bedeutung und bleibt lediglich ein Mittel, um zu verhindern, dass der Krieg in eine nukleare Phase übergeht.

Dieses Dilemma verdeutlicht den strategischen Unterschied zwischen dem populärwissenschaftlichen und dem "sektoral-fachlichen" Ansatz. Es geht um die Gegenüberstellung von kurzfristiger und langfristiger Zielsetzung.

Lassen wir uns eine zweite grundlegende Feststellung treffen: Die nukleare Abschreckung kann nur durch ein neu geschaffenes "Gleichgewicht des Schreckens" wiederhergestellt werden und nicht auf der Grundlage der (weitgehend theoretischen) Erfahrungen, die während des Kalten Krieges gesammelt wurden. Leider wurden diese Erfahrungen während einer relativ langen Phase der unipolaren Welt politisch nivelliert. Kann aber das "Gleichgewicht des Schreckens" ohne den Einsatz von Nuklearwaffen überhaupt wiederhergestellt werden? Das ist die zentrale Frage der Nuklearpolitik.

Auch im Westen wurde (sowohl auf Expertenebene als auch wohl auf politischer Ebene) erkannt, dass die nukleare Abschreckung nicht mehr als wirksames militärisches Instrument gilt. Auf konzeptioneller Ebene werden verschiedene Optionen einer "erweiterten nuklearen Abschreckung" ausgearbeitet. Diese Entwicklung ist vorhersehbar und hängt mit der Erkenntnis zusammen, dass der frühere Vorsprung gegenüber Russland (und indirekt auch gegenüber China) bei konventionellen Waffen keinen strategischen Vorteil mehr verschafft.

Es ist selbstverständlich, dass man sich zwischen zwei Optionen – einem Nuklearkrieg oder langwierigen Anstrengungen zur Wiederherstellung der nuklearen Abschreckung – für die zweite entscheidet. Doch in einem Krieg, der längst nicht mehr hybrider Natur ist, kann Russland der "großen Koalition des Westens" (die wesentlich breiter ist als die Koalition des "vereinigten Westens" während des Krimkriegs) bereits nicht mehr ohne Mühe die Stirn bieten. Können wir uns also den "Luxus" langfristiger Planung überhaupt leisten? Zumal der Westen Russland auf der "Eskalationsleiter" um zwei, mitunter sogar um drei Stufen voraus ist. Dem "vereinten Westen" stehen mehr Eskalationsschritte zur Verfügung, ohne auf Nuklearwaffen zurückgreifen zu müssen.

Es stellt sich noch eine andere Frage: Inwieweit ist die klassische "Eskalationsleiter", die unter den Bedingungen des Kalten Krieges entwickelt wurde (erinnert sei hier an Herman Kahns 1965 erschienenes Werk "On Escalation"), angesichts der Degradierung der westlichen politischen Eliten und des in die Politik übertragenen "Clip-Denkens" noch relevant? Eine Eskalation, insbesondere eine nukleare, war während des Kalten Krieges – jedenfalls nach der Kubakrise – ein ganzheitliches Phänomen, das fest in den gesamtpolitischen Kontext eingebettet war. Davon kann man heute nicht mehr ausgehen.

Folgen des Einsatzes

Eine "vorbeugende" Eskalation im Krieg in der Ukraine wird unweigerlich dazu führen, dass sich die russische Führung mit der Frage konfrontiert sieht, ob sie als Erste Atomwaffen einsetzen soll. Dies würde natürlich erhebliche politische, geopolitische sowie moralisch-soziale Folgen haben – vielschichtige und von zahlreichen Faktoren geprägte. Diese Folgen müssen im Voraus durchgerechnet werden, und zwar unter der Annahme, dass sich die Situation nach dem ungünstigsten Szenario entwickelt. Der Ansatz nach dem Motto "Es wird sich zeigen" ist dabei kategorisch inakzeptabel.

Man sollte sich keine Illusionen machen: In der Propaganda übertrumpft uns der Westen, wenn auch derzeit nicht mehr so eindeutig wie zu Beginn der Sonderoperation in der Ukraine. Daher wäre es ein großer Fehler, die Nuklearpolitik – einschließlich ihres öffentlichen Teils – mit Blick auf den propagandistischen Effekt zu gestalten. Im Gegenteil: Man muss davon ausgehen, dass dieser Effekt für Russland negativ ausfallen wird – unter anderem aufgrund der Haltung einiger unserer Partner.

Ein ebenso wichtiger militärisch-ideologischer Imperativ ist jedoch die Erkenntnis, dass im Falle einer Niederlage in einem konventionellen Krieg gegen den Westen – und diese Möglichkeit muss man in Betracht ziehen, auch wenn dies äußerst unangenehm ist – Russlands Besitz von Nuklearwaffen grundsätzlich an Wert verliert.

Konzentrieren wir uns auf die Folgen eines Einsatzes von Nuklearwaffen. Man kann sich natürlich mit Hoffnungen beruhigen, die Amerikaner würden sich für Europa "nicht einmischen". Doch wenn es um Nuklearwaffen geht, sind Annahmen und Vermutungen unzulässig. Es genügt bereits, dass US-Präsident Donald Trump grundsätzlich bereit ist, im Krieg gegen den Iran auf das Nukleararsenal zurückzugreifen – etwa zur Zerstörung tief unter der Erde gelegener Anlagen des iranischen Nuklearprogramms in Bergregionen. Bekannt ist auch, dass die Amerikaner während der russischen Operation zur Friedenserzwingung in Südossetien den Einsatz taktischer Nuklearwaffen zur Zerstörung des Roki-Tunnels in Betracht zogen. Die Regierung unter Joe Biden hielt es für denkbar, dass im Rahmen des Ukraine-Konflikts Nuklearwaffen eingesetzt werden könnten, und diskutierte öffentlich eine mögliche Reaktion darauf. Allerdings nur theoretisch.

Doch bereits im August 2024 wurde die aktualisierte Nuklearstrategie der Vereinigten Staaten verabschiedet (die ursprünglich als eine Neuausrichtung der nuklearen Abschreckung gegen China interpretiert wurde, was offenbar nicht ganz zutreffend war). Die Vorstellung, dass der Einsatz von Nuklearwaffen in einem "konventionellen" Konflikt zulässig sei, setzte sich unter hochrangigen Experten zunehmend durch. Unter anderem äußerte sich Richard Haass in diesem Sinne – eine durchaus einflussreiche Persönlichkeit im politischen Washington. 2024 gab es einen militärischen Konflikt ausschließlich in der Ukraine, jedoch sprach Haass möglicherweise auch von den im Weißen Haus diskutierten Plänen für einen Angriff auf den Iran zur Zerschlagung des iranischen Nuklearprogramms.

Noch bezeichnender für die strategische Unklarheit über die Pläne der USA zum Einsatz von Nuklearwaffen ist der "Fall Mark Milley", der während Trumps erster Amtszeit den Vereinigten Generalstab leitete. Ende 2020 und Anfang 2021, als die politischen Auseinandersetzungen in den USA auf ihrem Höhepunkt waren, nahm Milley auf eigene Initiative Kontakt zur Führung der chinesischen Volksbefreiungsarmee auf und erklärte, er werde Peking warnen, falls Donald Trump zu einer Eskalation übergehen sollte. Während der politischen Krise, die nach Trumps Wahlniederlage ausbrach, soll Milley in einem Gespräch mit der damaligen Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi zudem erklärt haben, er könne eine nukleare Eskalation verhindern, da der US-Präsident solche Entscheidungen nicht allein treffe. Darauf folgte angeblich eine Besprechung mit US-Militärs, bei der er darauf bestand, dass diese Trumps Befehle nicht befolgen sollten.

Diese Geschichte hatte schwerwiegende politische und bürokratische Folgen, doch für uns ist ihre Außenwirkung von Bedeutung. Einerseits spricht dieser Fall dafür, dass Amerika sich nicht für seine Verbündeten "ins Feuer werfen" wird – und zwar nicht nur für Taiwan, mit dem alles begann, sondern auch für Europa, zumal unter der politischen Elite der USA stets die Ansicht herrschte, ein europäischer Nuklearkrieg werde auf Europa beschränkt bleiben.

Ungeachtet aller Anstrengungen der amerikanischen politischen Führung, die Gefahr dieses Präzedenzfalls zu neutralisieren, zeigt der Fall Milley (wobei zu beachten ist, dass die diesbezüglichen Ermittlungen, die sich eindeutig gegen Milley richteten, bereits im Jahr 2021 begannen – zu einer Zeit, als eine radikal anti-trumpistische Regierung an der Macht war): Wir befinden uns in einer Situation anhaltender strategischer Ungewissheit hinsichtlich des Status und der Integrität der Sicherheitsprotokolle sowie der Rationalität politischer Entscheidungen bezüglich des Einsatzes von Nuklearwaffen durch die USA. Und diese Ungewissheit wird angesichts der offensichtlichen Verschärfung der innenpolitischen Auseinandersetzungen mindestens bis Januar 2029 bestehen bleiben. Wahrscheinlich sogar noch länger.

Die Wiederherstellung des Effekts nuklearer Abschreckung ist ein äußerst komplexer Prozess. Und in der gegenwärtigen militärpolitischen Situation ist sein Erfolg keineswegs garantiert. Schon deshalb nicht, weil dieser Prozess zahlreiche kritische Elemente umfasst, darunter auch solche, die mit Nuklearwaffen als solchen nichts zu tun haben. Im Verständnis dessen, was nukleare Abschreckung eigentlich bedeutet, sind wir gegenüber den Amerikanern und Europäern ins Hintertreffen geraten.

Im Westen vollzieht sich seit fast zehn Jahren eine langsam voranschreitende Legitimierung von Nuklearwaffen, für die ein durchdachtes System der Informationsunterstützung geschaffen wurde, das sich nicht nur auf politische Propaganda beschränkt. Die Zahl der fachlichen und pseudofachlichen Beiträge zu diesem Thema nimmt in den vergangenen Jahren stark zu. Darunter finden sich weiterhin die traditionellen Einschätzungen, wonach die Folgen eines Nuklearkrieges für die gesamte Menschheit fatal wären. Einen solchen Ansatz verfolgen beispielsweise die Autoren der 2022 veröffentlichten Studie "A New Ocean State After Nuclear War".

Einen etwas anderen Eindruck hinterlässt das 2019 (wohlgemerkt: vor Beginn der Sonderoperation) erstellte Modell eines nuklearen Schlagabtauschs zwischen der NATO, einschließlich der USA, und Russland. Dieses Modell wurde von der Gruppe "Science and Global Security" (SGS) an der Princeton University entwickelt. Die allgemeine Schlussfolgerung lautet: Die Folgen eines Nuklearkriegs wären katastrophal. Nach den Berechnungen der Autoren des Modells würden 34 Millionen Menschen ums Leben kommen und weitere 57 Millionen verletzt werden. Diese Zahlen sind natürlich erschreckend, aber weit entfernt vom "Untergang der gesamten Menschheit". Eine echte Apokalypse, so prophezeit das Modell, würde erst dann eintreten, wenn ein Nuklearkrieg totalen Charakter annähme und das gesamte Territorium der USA, Russlands und Chinas erfassen würde.

De facto werden schrittweise Szenarien ausgearbeitet, bei denen der Einsatz von Nuklearwaffen keinen globalen Charakter annimmt – selbst dann, wenn es sich um strategische Waffen und nicht nur um Raketen "mittlerer und kürzerer Reichweite" handelt. Und dies ist eine sehr wichtige Wende, nicht nur politischer, sondern auch militärisch-technischer Natur. Das Leitmotiv dieser Diskussionen lautet: Selbst ein groß angelegter Einsatz von Nuklearwaffen führt nicht zwangsläufig zur totalen Vernichtung – alles hängt vom jeweiligen Szenario ab. Mit anderen Worten: Der erste Schritt zur Legitimierung von Nuklearwaffen als reales Mittel der Konfliktführung ist im Westen bereits erfolgt.

Mehr noch: Seit Beginn der militärischen Sonderoperation sind Fragen im Zusammenhang mit einem möglichen Einsatz taktischer oder substrategischer Nuklearwaffen durch Russland fast schon zum Standardthema in den Erörterungen westlicher Journalisten und Experten geworden. Die europäische Öffentlichkeit wird offensichtlich auf die Unvermeidbarkeit eines Nuklearwaffeneinsatzes durch Russland vorbereitet. Und dementsprechend auch auf die Gegenmaßnahmen des Westens.

Bei uns hingegen herrschen Extreme vor, eine Neigung zu "ersetzender" Propaganda, was im Westen offenbar mit wachsender Skepsis wahrgenommen wird.

Die Stufen der "Eskalationsleiter"

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die folgenden grundlegenden Punkte.

Erstens. "Der erste Schritt ist frei, doch wir sind Sklaven des zweiten…" Der erste Schritt auf der "Eskalationsleiter" liegt auf der Hand: die Durchführung von Nuklearwaffentests. Und dieser Schritt ist bei allen Szenarien zur Stärkung der Rolle von Nuklearwaffen als Instrument der russischen Außen- und Militärpolitik derselbe. Derzeit ist dies die am wenigsten destabilisierende Stufe auf der gesamten "Leiter der nuklearen Eskalation". Wenn wir jedoch keine klare Vorstellung davon haben, wie der zweite und dritte Schritt aussehen werden, sollten wir auf den ersten besser verzichten.

Nuklearwaffentests an sich werden die Situation grundsätzlich nicht verändern. Bis zu ihrer Durchführung müssen nicht nur alle konzeptionellen Fragen im Zusammenhang mit der Wahl des Einsatzszenarios, der Kooperation mit Verbündeten usw. geklärt sein, sondern auch die weiteren militärischen und militär-technischen Maßnahmen ausgearbeitet worden sein. Im Idealfall sollten die ersten drei bis vier Stufen der nuklearen "Eskalationsleiter" (die selbst in einem "langsamen" Szenario zur Wiederherstellung der nuklearen Abschreckung unvermeidlich sind) zügig durchlaufen werden, um dem Gegner nicht zu ermöglichen, die politische Initiative an sich zu reißen.

Generell besteht das Ziel jeder Eskalation, insbesondere einer nuklearen, nicht darin, den Konfliktverlauf zu ändern, sondern den Gegner dazu zu zwingen, Entscheidungen unter Zeitdruck zu treffen.

Dies setzt jedoch die Bereitschaft voraus, über reine Demonstrationsmaßnahmen hinauszugehen und zumindest das Stadium eines begrenzten Nuklearkrieges zu erreichen, in dem Ziele auf dem Territorium von NATO-Staaten angegriffen werden. Erinnern wir daran, dass der begrenzte Nuklearkrieg stets ein amerikanisches Konzept war. Henry Kissinger gehörte zu den Ersten, die bereits in den 1960er-Jahren begannen, dieses Konzept zu entwickeln. Dabei ging es um die Notwendigkeit, das Eskalationspotenzial zwischen der Sowjetunion und den USA sowie zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt in Europa zu begrenzen, damit der Krieg die USA – als "Kern" des Westens – so wenig wie möglich in Mitleidenschaft ziehen würde. Etwa dieselbe Linie verfolgt heute Trump. Für die sowjetische und später auch die russische Militärstrategie stellte ein begrenzter Nuklearkrieg, losgelöst von einem Krieg mit konventionellen Waffen, nie das Hauptszenario dar.

Und hier noch eine weitere Annahme des Autors: Um politisch erfolgreich zu sein, müsste der Einsatz von Nuklearwaffen Teil offensiver Operationen sein, bei denen das gesamte Spektrum militärischer Machtmittel zum Einsatz kommt, und nicht eine begrenzte Aktion, die in der Hoffnung durchgeführt wird, im Lager des Gegners einen politischen und militärischen Zusammenbruch auszulösen. In unserem Fall ist der Gegner eine Koalition westlicher Staaten, die die Ukraine als Proxy nutzt. Man muss einräumen, dass sich diese Koalition im Verlauf der militärischen Sonderoperation als politisch und gesellschaftlich recht stabil erwiesen hat.

Zweitens. Die klassische nukleare Abschreckung entstand weder infolge des Einsatzes entsprechender Waffen noch nach deren Tests. Sie war vielmehr das Ergebnis eines Maßnahmenkomplexes seitens der USA, vor allem aber seitens der Sowjetunion, die auf politischer Ebene bei den Vereinigten Staaten – als "Kern" des Westens – dafür sorgte, dass man sich der verheerenden Folgen einer direkten Militärkonfrontation bewusst wurde. 1946 war ein solches Verständnis bei weitem noch nicht vorhanden, 1950 bis 1953 begann es sich gerade erst herauszubilden. 1956 glaubte man kaum an die Realität dieser Risiken. 1962, nach der Kubakrise, nahm man sie bereits wesentlich ernster, wenn auch noch nicht endgültig. Doch bereits 1968 war ein absolut klares Bewusstsein dafür entstanden. Dieser Weg war lang und voll von Wendungen.

Entscheidend für den relativen Erfolg dieses Prozesses war, dass eine Reihe von Krisen nacheinander durchlaufen wurde, in denen der nukleare Faktor eine zunehmend wichtigere Rolle spielte. Und dennoch blieb die Gefahr von Fehlschlägen selbst in der ausgereiften Phase der nuklearen Abschreckung bestehen, wie etwa 1983 während der NATO-Übung "Able Archer 83". Bezeichnenderweise waren weder die Sowjetunion noch die USA daran interessiert, diesen Vorfall hochzuspielen. Trotz der Verschärfung des Kalten Krieges unter US-Präsident Ronald Reagan beschränkten sich beide Seiten auf eine partielle Eskalation. Ein weiteres bezeichnendes Detail: Der Bericht, in dem festgestellt wurde, dass die Sowjetunion Gründe hatte, die Übung als verdeckte Vorbereitung auf einen nuklearen Erstschlag zu interpretieren, wurde Ronald Reagan vom CIA-Direktor und überzeugten Antikommunisten William Casey vorgelegt.

Weder die auf gegenseitig garantierter Vernichtung basierende nukleare Abschreckung noch – wahrscheinlich – selbst der Einsatz von Nuklearwaffen können in einer Situation akuter geopolitischer Konfrontation als "Allheilmittel" betrachtet werden. Und sie dürfen schon gar nicht als solches herangezogen werden, wenn die Konfrontation eine Neugestaltung der geoökonomischen Weltordnung und einen Kampf um Einfluss in den "Grauzonen" beinhaltet. Genau das geschieht derzeit.

Inwieweit würde ein vorausgehender Einsatz von Nuklearwaffen die Möglichkeiten Russlands einschränken, andere Instrumente einzusetzen? Und inwieweit können Nuklearwaffen Teil einer Strategie der "indirekten Handlungen" sein, in deren Rahmen die Großmächte am Persischen Golf und perspektivisch auch im östlichen Mittelmeerraum sowie in Ostasien miteinander konkurrieren? Ja, eine Strategie der "indirekten Handlungen" beinhaltet stets auch einen Gewaltaspekt, doch sind Nuklearwaffen dafür ein akzeptables Instrument?

Drittens. Die nukleare Abschreckung setzt nicht nur gegenseitige Angst, sondern auch gegenseitiges Vertrauen zwischen den Konfliktparteien voraus. Der Gegner darf keinen Zweifel daran haben, dass die andere Seite unter bestimmten Umständen bereit ist, ihn durch den Einsatz von Nuklearwaffen zu vernichten – in welchem Umfang auch immer, in jedem Fall jedoch unter Inkaufnahme übermäßiger Zerstörungen. Derzeit glaubt der Gegner nicht (und sagt dies auch offen), dass wir konventionelle Waffen in einer Weise einsetzen, die übermäßige Zerstörungen verursacht, auch in gesellschaftlich besonders sensiblen Bereichen. Warum sollte er dann an unsere Bereitschaft glauben, Nuklearwaffen einzusetzen?

Die Bewegung auf der "Eskalationsleiter" sollte mit der Demonstration der Bereitschaft beginnen, zur Zerstörung der sozialen Infrastruktur des Gegners mit konventionellen Waffen überzugehen. Genau das geschieht derzeit im Rahmen der militärischen Sonderoperation in der Ukraine. Für diese "Infrastruktureskalation" sind Nuklearwaffen zumindest vorerst nicht erforderlich.

Anschließend muss die Reaktion analysiert werden – ist es gelungen, bei den politischen Eliten des Gegners auf kollektiver oder individueller Ebene Angst hervorzurufen? Und erst anhand dieser Reaktion lässt sich entscheiden, ob der Gegner inzwischen glaubt, dass wir bereit sind, einen noch verheerenderen Konflikt zu führen. Diese Frage ist derzeit mit Vorsicht zu beantworten (abgesehen von der Hysterie, dass Russland, das angeblich den Krieg gegen die Ukraine verliere, kurz davor stehe, Europa anzugreifen). Ein Teil der westlichen Eliten beginnt allmählich zu begreifen, dass Russland zu einer Eskalation bereit ist, einschließlich einer nuklearen. Doch die Mehrheit ist noch nicht zu dieser Erkenntnis gelangt.

In der Praxis bedeutet dies, dass Russland eine Stufe am Anfang der "Leiter der nuklearen Eskalation" überspringen könnte. Besser wäre es jedoch, darauf zu verzichten und lediglich die Bewegung auf der "Eskalationsleiter" nach oben zu beschleunigen. Allerdings entspricht dies nicht der Natur des russischen politischen Systems: Ihm ist vielmehr die Neigung eigen, zwischen den einzelnen "Stufen" lange Pausen einzulegen, die mitunter kaum zu rechtfertigen sind.

Somit ist eine solche Bewegung nach oben, insbesondere das forcierte Durchlaufen mehrerer Stufen, nur als Teil einer umfassenderen Neuausrichtung der russischen Außen-, Militär- und – was besonders wichtig ist – Innenpolitik sinnvoll. Nicht nur die Wirtschaft, sondern zumindest teilweise auch die Sozialpolitik müsste auf einen Mobilisierungsmodus umgestellt werden. Dazu sind derzeit weder die Elite noch die politische Führung bereit. Eine solche Neuausrichtung wird jedoch unvermeidlich, je mehr sich die Illusion auflöst, durch politische Manöver ließe sich eine militärisch-politische und anschließend rein militärische Konfrontation mit der vereinten Koalition des Westens auf dem europäischen Kriegsschauplatz vermeiden.

Fassen wir zusammen. Nuklearwaffen kehren in den Kreis der zulässigen Instrumente der Außenpolitik und der "großen Geopolitik" zurück. Dieser Prozess verläuft jedoch nicht linear.

Die Modelle der nuklearen Abschreckung aus der Zeit des Kalten Krieges lassen sich im heutigen geopolitischen und geoökonomischen Kontext nicht reproduzieren.

Das bisherige Tabu der öffentlichen und fachlichen Diskussion über Nuklearwaffen ist bereits gefallen. Das birgt Risiken. Die propagandistische Überbetonung von Fragen im Zusammenhang mit Nuklearwaffen verzerrt die Vorstellung davon, welche Szenarien ihres Einsatzes politisch realistisch und militärisch wirksam sind. Dies betrifft sowohl die Eindämmung militärischer Konflikte als auch den Einsatz von Nuklearwaffen in solchen Konflikten, um ein politisches Ergebnis zu erzielen.

Die wichtigste Aufgabe der russischen politischen Kommunikation zum Thema Nuklearwaffen besteht darin, möglichst viele Staaten aus der gegen Russland gerichteten Koalition herauszulösen. Dazu müssen ihre Eliten davon überzeugt werden, dass im Falle einer weiteren Eskalation tatsächlich mit russischen Gegenmaßnahmen zu rechnen ist. Die zu Beginn des Artikels erwähnte Rede des Präsidenten auf dem "Waldai"-Forum kann vermutlich als ein Wendepunkt angesehen werden. Der Faktor Nuklearwaffen muss politisch und militärpolitisch wieder stärker in den Vordergrund rücken – auch durch eine anschauliche Demonstration unseres Potenzials gegenüber Europa und den USA. Nicht jedoch gegenüber der Ukraine: Gespräche über einen Einsatz von Nuklearwaffen im Rahmen der militärischen Sonderoperation werden in Kiew und im Westen als Zeichen von Schwäche wahrgenommen. Um jedoch den aggressivsten Eliten des Westens die Lust zu nehmen, sich beschleunigt auf einen "großen europäischen Krieg" vorzubereiten, eignen sich Nuklearwaffen hervorragend. Entscheidend ist, über überzeugende Einsatzszenarien zu verfügen, die durch das Vorhandensein entsprechender militärisch-technischer Mittel untermauert sind.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 1. November 2026 zuerst auf der Homepage von "Russia in Global Affairs" erschienen.

Dmitri Jewstafjew ist ein russischer Politikwissenschaftler (Amerikanist), Spezialist für politisch-militärische Fragen der nationalen Sicherheit Russlands, der Militär- und Außenpolitik der USA und regionale Fragen der Nichtverbreitung von Kernwaffen. Doktortitel in Politikwissenschaft (1992), Professor an der russischen Nationalen Forschungsuniversität "Higher School of Economics". Er ist Mitverfasser wissenschaftlicher Monografien und zahlreicher Artikel.

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