
Brasiliens Wahlen werden sich auf China und die BRICS auswirken

Von Geworg Mirsajan
Am 4. Oktober fand in Brasilien der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahl statt. Auf den Stimmzetteln standen 13 Kandidaten, doch realistische Siegchancen hatten lediglich zwei von ihnen: der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der für seine vierte Amtszeit kandidierte (er hatte Brasilien von 2003 bis 2010 regiert und war im Januar 2023 ins Präsidentenamt zurückgekehrt), sowie Senator Flávio Bolsonaro. Da keiner von beiden im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte (rund 47 Prozent entfielen auf Bolsonaro, 45 Prozent auf Lula), steht dem Land nun eine Stichwahl bevor, die am 25. Oktober stattfinden wird.
Die Geschichte der Beziehungen zwischen den beiden Kandidaten gleicht einer klassischen brasilianischen Seifenoper. Flávio Bolsonaro ist nämlich der Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, der wegen des Versuchs, nach der Wahl 2022 einen Staatsstreich durchzuführen, verurteilt wurde. Zu diesem Schritt entschloss er sich, weil er damals für eine zweite Amtszeit kandidierte, die Wahl gegen Lula verlor – und Vergeltungsmaßnahmen seitens seines Konkurrenten befürchtete.

Und diese Befürchtungen waren berechtigt – denn gerade Jair Bolsonaro war einer der Drahtzieher hinter dem Plan, den der Korruption beschuldigten Lula hinter Gitter zu bringen. Lula wollte nämlich ins Präsidentenamt zurückkehren und hatte bereits vorgehabt, bei der Wahl 2018 erneut zu kandidieren. Letztendlich konnte Lula nicht an der Wahl teilnehmen, gegen ihn wurde ermittelt, und 2019 – bereits nach Bolsonaros Wahlsieg – wurde er inhaftiert. Dank seiner Anwälte kam er jedoch schnell wieder frei, und 2021 stellte der Oberste Gerichtshof sein Recht wieder her, bei Wahlen anzutreten. Anschließend gewann Lula die Präsidentschaftswahl von 2022.
Und unter seiner Präsidentschaft wiederum wurde Bolsonaro wegen des versuchten Staatsstreichs verurteilt – nachdem seine Anhänger im Januar 2023 Regierungsgebäude gestürmt und die Annullierung des Wahlergebnisses gefordert hatten. Zugleich wurde ihm für acht Jahre die Ausübung öffentlicher Ämter untersagt. Letztendlich gelang es Bolsonaro senior jedoch, einer Gefängnisstrafe zu entgehen (auch dank der Anwälte, die die Richter von seinem schlechten Gesundheitszustand überzeugten), doch er steht unter Hausarrest und darf keine sozialen Netzwerke nutzen. Sein ältester Sohn Flávio nahm daraufhin den Platz seines Vaters auf dem politischen Olymp ein und versprach, Jair im Falle eines Wahlsiegs zu begnadigen.
Im Wahlkampf setzte Bolsonaro auf dieselben Probleme, mit denen alle linken Regierungen der Region konfrontiert sind. Er kritisierte Lula wegen der wirtschaftlichen Probleme (der wachsenden Staatsverschuldung, der hohen Verschuldung privater Haushalte und des Haushaltsdefizits), wegen der weit verbreiteten Korruption sowie der grassierenden Kriminalität.
Die Bekämpfung der Kriminalität machte er zu einem der zentralen Elemente seines Wahlkampfs – zumal die Gewaltkriminalität die Wähler noch stärker beschäftigt als Korruption und wirtschaftliche Probleme. Bolsonaro versprach, große kriminelle Banden als Terrororganisationen einzustufen, neue Bundesgefängnisse zu errichten und das Alter der Strafmündigkeit auf 16 Jahre (bei schweren Straftaten sogar auf 14 Jahre) zu senken.
Doch bei aller Besonderheit dieser persönlichen Beziehungen stand bei dieser Wahl nicht nur das Schicksal Jair Bolsonaros oder brasilianischer Jugendbanden auf dem Spiel. Es ging auch um die Zukunft des gesamten "Rechtsrucks" in Lateinamerika.
"Eine entscheidende Wahl, die die Zukunft Lateinamerikas bestimmen wird." Nicht ohne Grund beschrieb der britische Guardian diese Wahl mit genau diesen Worten.
Das liegt daran, dass die Linken in der Region derzeit äußerst schwierige Zeiten durchleben. Sie verlieren Wahlen (etwa bei den Wahlen in Kolumbien und Peru im Juni 2026), werden im Zuge einer US-Invasion gestürzt (wie es im Januar 2026 in Venezuela der Fall war) und sogar mit einer Wirtschaftsblockade belegt (unter der Kuba derzeit leidet). Im Grunde genommen blieb Brasilien unter Lula die letzte starke Bastion der gemäßigten Linken in Lateinamerika – eine Bastion, die Bolsonaro zerschlagen wollte.
"Die Abstimmung wird darüber entscheiden, ob sich das größte Land der Region dem wachsenden konservativen Block anschließt, der US-Präsident Donald Trump unterstützt, oder ob es die von Lula eingeleitete multipolare Außenpolitik fortsetzt", schreibt CNN.
Kein Wunder also, dass auch ausländische Politiker aktiv für Bolsonaro warben. Allen voran der wichtigste Vertreter des "Trump-Blocks" in der Region – der argentinische Präsident Javier Milei, der persönlich zu Bolsonaros Wahlkampfveranstaltungen reiste. Dort warb er derart aggressiv für Bolsonaro (indem er Präsident Lula als "Verurteilten" und dessen Regierung als eine Regierung "diebischer Sozialisten" bezeichnete, die im Land einen "sozialistischen Zirkus" veranstaltet hätten), dass Brasilien im Juli sogar seinen Botschafter aus Buenos Aires abberief.
Auch Mileis Patron Donald Trump blieb nicht untätig. Eine Gruppe von 30 Mitgliedern des US-Repräsentantenhauses sowie Senator Bernie Sanders verfassten einen offenen Brief an das US-Außenministerium, in dem sie eine Reihe von Beispielen für Trumps Einmischung in die brasilianischen Wahlen aufzählten – etwa die Einführung von Handelszöllen und die Diskreditierung des brasilianischen Wahlsystems. Damit, so erklärten sie, füge Trump "unseren Beziehungen zu einem strategischen Verbündeten und Handelspartner der Vereinigten Staaten weiteren Schaden zu".
Lula selbst warf dem US-Präsidenten offen vor, versucht zu haben, das Wahlergebnis zu beeinflussen.
"Flávio Bolsonaro ist Trumps Kandidat, und Trump will Brasilien kolonisieren, sich unsere Reichtümer aneignen, unsere Zukunft stehlen und uns mit leeren Händen zurücklassen", hieß es in einem der Wahlkampfvideos des amtierenden Präsidenten. Und auch er selbst behauptet, im Falle eines Sieges seines Gegners werde "Brasilien wieder zu einer Kolonie".
Auch wenn es keine Kolonie im eigentlichen Sinne sein wird, verspricht Bolsonaro doch tatsächlich, den außenpolitischen Kurs des Landes neu auszurichten, und diese Wende wird zu einer Abschwächung der Rolle des Landes in der Weltpolitik führen. So will er beispielsweise die brasilianische Beteiligung an den BRICS überdenken. Er spricht nicht direkt von einem Austritt aus dieser Organisation, aber das ist auch nicht nötig – es reicht aus, den Weg seines Vaters einzuschlagen, der während seiner Präsidentschaft die Beteiligung des Landes an den BRICS-Programmen schlicht auf ein Minimum reduzierte.
"Unsere Außenpolitik muss auf Professionalität und Pragmatismus beruhen, nicht auf Ideologie", sagt Bolsonaro. Offenbar hält er Lulas Engagement im Rahmen der BRICS (zum Beispiel seine Befürwortung der Idee, nationale Währungen im Handel zu verwenden, die Stärkung der Beziehungen zum Globalen Süden und sein Eintreten dafür, all dies ohne Einmischung seitens der USA tun zu können) für ideologisch motiviert. Auch die Entdollarisierung, die Brasilien im Rahmen der BRICS voranzutreiben versucht, ist seiner Ansicht nach eine politisch motivierte Idee.
Anstelle der BRICS verspricht Bolsonaro junior, den Schwerpunkt auf bilaterale Beziehungen zu den USA, Argentinien und Israel zu legen.
Dies würde bedeuten, der amerikanischen "Donroe-Strategie" (die eine dominierende Rolle der USA in der westlichen Hemisphäre impliziert) zu folgen und Trump dabei zu helfen, die Integration innerhalb der BRICS zu untergraben und sich zugleich der argentinischen Linie anzuschließen, dem "sozialistischen Zirkus" ein Ende zu setzen – womit das Festhalten an den im Globalen Süden verbreiteten Vorstellungen von Gerechtigkeit und Souveränität gemeint ist. Und natürlich würde dies auch bedeuten, auf jegliche Verurteilung Israels zu verzichten, was die Beziehungen Brasiliens zu den muslimischen BRICS-Staaten automatisch beeinträchtigen würde.
Dabei ist Bolsonaro nicht bereit, die Tatsache zu akzeptieren, dass gerade das BRICS-Format Brasilien die Möglichkeit bietet, als einer der wichtigsten Architekten am Aufbau einer multipolaren Welt mitzuarbeiten. Stattdessen möchte er, dass das Land zwar zum größten, letztlich aber doch nur zum Ziegelträger beim Ausbau der Fundamente einer amerikanischen unipolaren Welt wird.
Andrei Pjatakow, führender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Lateinamerika der Russischen Akademie der Wissenschaften, sagt gegenüber der Zeitung Wsgljad:
"Unter Bolsonaro senior erhielt Brasilien von den USA den Status eines wichtigen Nicht-NATO-Verbündeten (Major Non-NATO Ally, kurz MNNA), unter seinem Sohn könnte die Zusammenarbeit weiter gestärkt und ausgebaut werden."
Zudem will Bolsonaro "aufhören, vor China zu kriechen". Er spricht nicht von einem Bruch der Beziehungen zum Reich der Mitte, da dies einen Teil seiner Wählerschaft abschrecken würde. Seit etwa 2009 ist China der größte Handelspartner Brasiliens und hat in dieser Hinsicht die USA überholt. Im Jahr 2025 belief sich allein das Volumen der Agrarexporte nach China auf rund 55 Milliarden US-Dollar. Im Falle seines Wahlsiegs könnte die Beendigung dieser "Kriecherei" jedoch durchaus bedeuten, dass amerikanischen Unternehmen Vorteile auf dem brasilianischen Markt eingeräumt würden.
Ja, dafür muss er zwar zunächst die Stichwahl gewinnen – doch Bolsonaro gilt bereits als Favorit. Nicht nur, weil er im ersten Wahlgang einen um zwei Prozentpunkte höheren Stimmenanteil erzielte. Nicht nur, weil ein erheblicher Teil der Wählerschaft der anderen Kandidaten (die überwiegend dem rechten Lager angehören) zu ihm überlaufen wird. Sondern auch, weil es ihm gelingt, seine Wähler an die Wahlurnen zu bringen.
Andrei Pjatakow erklärt:
"Bezeichnend ist die für Brasilien außerordentlich hohe Wahlenthaltungsquote: 33 Millionen Brasilianer haben beschlossen, zu Hause zu bleiben, obwohl die Teilnahme an der Wahl verpflichtend ist. Das zeugt von einer Enttäuschung über die Politik als solche, und vor diesem Hintergrund erhält die stärker mobilisierte rechtsgerichtete Wählerschaft deutliche Vorteile."
Zudem wurden parallel zur Präsidentschaftswahl die Gouverneure, das Repräsentantenhaus sowie ein erheblicher Teil des Senats gewählt – und nach vorläufigen Angaben lag Bolsonaros Liberale Partei bei allen drei Wahlen vor Lulas Arbeiterpartei. Damit schuf sie eine Grundlage dafür, die Zukunft des Landes und ganz Lateinamerikas mitzubestimmen.
Es sieht so aus, als werde Brasiliens Zukunft zumindest in den kommenden Jahren die eines Ziegelträgers und nicht die eines Architekten sein.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 5. Oktober 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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