Meinung

Mythos des Westens: Auf immer verloren

Die Niederlage in der Ukraine ist möglicherweise nur ein Teil einer Anhäufung westlicher "Niederlagen". Eine zusätzliche Niederlage in Israel würde den Kern des politischen Daseins der USA treffen. Und im Nahen Osten könnte noch mehr Unheil drohen.
Mythos des Westens: Auf immer verlorenQuelle: Legion-media.ru © Zoonar

Von Alastair Crooke

Derzeit herrscht im Westen eine seltsame Langeweile und eine Ablenkung von der Wirklichkeit. Ein Kompliment an Simplicius The Thinker für seinen Aufsatz "Bones of Tomorrow" (Die Knochen von morgen), in dem er über eine entwertete Kultur nachdenkt, ihre Verlockungen, die uns einst mit dem "Mythos des Westens" in die Falle lockten, und als offensichtlich falsche Götzen verwelkt sind. Dieses schwächer werdende Feuer hat jedes Gefühl von "Magie" im gleichsam zunehmend schwächelnden Westen zunichtegemacht – oder auch die Hoffnung, dieses "Verlorene" wiedergutmachen zu können. Es ist die wehmütige Erkenntnis, dass der Mythos des Westens in seiner jetzigen Form wahrscheinlich nie wieder etwas von bleibendem Wert bieten wird.

Die Hirngespinste einer utopischen Zukunft, die einst versprochen wurde, üben dennoch weiterhin ihren verführerischen Einfluss auf unsere Psyche aus, allerdings reduziert auf die Touchscreens unserer Smartphones, die viel Aufmerksamkeit abverlangen und eine hypnotische Wirkung erzeugen. Kulturelle Maßstäbe fallen rund um uns in sich zusammen, wie in verrottenden Gebäuden eine Etage nach der anderen. Dennoch sind wir zu sehr abgelenkt, um dies wirklich wahrzunehmen oder dessen Bedeutung zu erfassen. Gegenströmungen, die im Schatten lauern, spenden derweil freudig diesen Entwicklungen Applaus.

Wir stehen jetzt dort, wo wir immer standen – im Treibsand der Zeit. Es ist quasi eine Wachablösung: Eine Welt, die verblasst und sich tief in einer langsamen Phase des Ausbrennens befindet, dem natürlichen Prozess des Verfalls und der Erneuerung. Gleichzeitig führt es uns vorwärts und sorgt dafür, dass das neue, noch zu erblühende Etwas, als zarter Trieb sprießen kann. Es ist das Gefühl, dass etwas verloren gegangen ist und nie wieder gefunden wird, ein Gefühl, das wir alle derzeit ertragen müssen.

Die "Auserwählten" haben jedoch absichtlich den Einsatz erhöht. Sie wollen und können nicht loslassen. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass mit dem Scheitern des westlichen Kurses an seinen eigenen kulturellen Mauern, auch die Vorstellung von dem "Ende der Geschichte" und der Annäherung an eine gemeinsame Zukunft vorbei ist. Und damit ist auch das angebliche Mandat des Westens vorbei, die "Richtung nach vorn" zu diktieren.

Hinter den Spielereien und der bunten Fassade verbirgt sich das westliche Über-Narrativ, dass "von Platon bis zur NATO, überlegene Ideen und Praktiken, deren Ursprung im antiken Griechenland liegen, über die Jahrhunderte hinweg weitergegeben wurden, sodass diejenigen im Westen heute die glücklichen Erben davon sind und eine überlegene kulturelle DNA besitzen". Dies hat sich jedoch als nichts anderes herausgestellt als ein verblassendes Gaukelspiel in einer hohlen Darbietung.

Hier liegt die tiefe Angst westlicher politischer Führer – sie wissen, dass "das Narrativ" eine Fiktion ist. Dennoch erzählen sie es immer und immer wieder sich selbst, obwohl sie wissen, dass unsere Zeit zunehmend gefährlicher von diesem Meta-Mythos abhängig gemacht wird. Ohne diesen Mythos, so spüren sie, könnte das westliche Projekt und der westliche Wohlstand vollends zerfallen.

Die "Auserwählten" hofften, dass die in der Vergangenheit definierten, ungeheuerlichen Träume von materiellem Wohlstand und westlicher Gewandtheit, den Mythos in noch höhere Ebenen treiben, aber nur – und nur dann – wenn der Westen über das bessere Narrativ verfügt. Das bessere Narrativ war von größter Bedeutung. Es musste das "schwerfällige" Narrativ der Rivalen übertreffen und in den Schatten stellen. Dieses trügerische Übereinkommen musste um jeden Preis bestehen bleiben, damit die fein geschmückte Fassade des Mythos nicht in sich selbst zusammenfällt. Die "Fabrik des Erzählungen" wurde somit bis an die Grenzen des Möglichen betrieben.

Der Krieg in der Ukraine wird mit einem offensichtlichen und überwältigenden russischen Sieg enden – obwohl er derzeit alles andere als vorbei ist. Die Ukraine ist nur eines der zahlreichen Schlachtfelder in einem umfassenderen Kampf, um die "atlantische Welt" –  das "Rimland" – dazu zu zwingen, eine vereinbarte Grenze zwischen ihr und dem "Kernland" – Russland, China und die asiatischen Tiefen – zu akzeptieren und würdevoll auf seinen Anspruch zu verzichten, bei der Bestimmung unserer globalen Zukunft eine Ausnahme zu bilden. Die Mainstream-Medien sind daher voller Analysen darüber, wie man einen "Sieg des Westens" definieren könnte. Ist es möglich, das Narrativ bezüglich der Ukraine "umzudrehen", und zwar als einen weiteren "westlichen Sieg"? Die "Auserwählten" wollen die Ukraine weiterhin in den Fleischwolf treiben – um an der Fantasie des "totalen Sieges" festzuhalten: "Es gibt keinen anderen Weg als einen totalen Sieg – und Putin loszuwerden. Dafür müssen wir alle Risiken auf uns nehmen. Kein Kompromiss ist möglich, kein Kompromiss."

Man kann den Ukraine-Konflikt eine "Pattsituation" nennen und darauf bestehen, dass er eine Niederlage für Putin und einen Sieg für Biden darstellt, da Russland nicht in der Lage war, die gesamte Ukraine zu erobern  – wobei fälschlicherweise davon ausgegangen wird, dass dies Moskaus Ziel war. Dieser Ansatz wird von westlichen Analysten eher als "vernünftig" betrachtet: Man gestalte das Narrativ eines "Sieges" und stellt dann sicher, dass sich alle – von der Spitze der Gesellschaft bis nach ganz unten – ohne Einwände an genau diesem Narrativ orientiert.

Aber das ist kaum mehr als eine einfache Reproduktion der Kultur der Youtube-Influencer, durch die beliebige Einzelpersonen Glaubwürdigkeit – und jede Menge Geld – verdienen, indem sie raffinierte Erzählungen kuratieren und weiterverbreiten, sei es über die jüngste Mode oder über politische Ereignisse. Für die verwirrte westliche Öffentlichkeit mag solches funktionieren, hat aber nur eine begrenzte Anziehungskraft außerhalb westlicher Einflusssphären. Der Fehler, wenn "umgedrehte Narrative" geopolitisch als Waffe eingesetzt werden, besteht jedoch darin, dass Propaganda, die so weit von einer offensichtlichen Realität entfernt ist, einfach kein erfolgreiches Narrativ ist – außer als Eintagsfliege. In Wahrheit führt es letztlich zur Selbstisolation seiner Autoren.

Die Entzückung darüber, wie offensichtlich westliche Rückschläge, durch "Lecks" aus Geheimdienstkreisen umgedreht werden können, die hochgradige Lügen verbreiten, um ein bestimmtes Narrativ zu untermauern, ist innerhalb westlicher Nachrichtendienste zu einer Seuche geworden. Vielmehr ist dieser trügerische Pakt ein vergifteter Kelch. Wenn der Westen noch bei Verstand wäre, würde er sich mehr darauf konzentrieren, in der Ukraine ein "Narrativ der westlichen Niederlage" zu inszenieren, als ein langsam verrottendes "Narrativ des Sieges" zu verbreiten.

Warum ist das so?

Eine weise Staatsführung würde ihr Volk auf eine Niederlage vorbereiten. Unwahrscheinliche und falsche Geschichten über Ruhm auf dem Schlachtfeld kehren irgendwann zurück, um die Lügner zu belasten, während – metaphorisch gesprochen – in Wahrheit die Verwundeten und Toten zurückkehren, um der Geschichte von einem Sieg sichtbar zu widersprechen.

Im Gegensatz dazu ernährt sich der Westen immer noch von Geschichten über westliche Führung, freien Wahlen, angeborenen Qualitäten und Außergewöhnlichkeit. Vereinfacht ausgedrückt hilft diese Modeerscheinung der "Influencer" den Menschen im Westen offensichtlich nicht dabei, mit den tektonischen Veränderungen auf der ganzen Welt klarzukommen. Die Völker des Westens sind auf den kommenden Winter völlig unvorbereitet. Doch die Verfechter eines westlichen Sieges umarmen sich vor lauter Freude, während ihre Wahnvorstellungen durch willfährige Massenmedien weitergegeben werden.

Kindische Propaganda und Lügen werden die neue Ära jedoch nur noch schmerzhafter machen. Eine "Geschichte der Niederlage", die mit Integrität erzählt wird, hilft dagegen einem Volk zu verstehen, wie eine bestimmte Krise entstanden ist und wie sie es getroffen hat. Sie sollte auch einen Weg nach vorn weisen. Im Iran wurde dies verstanden: Im schiitischen heiligen Feiertag Aschura liegt der Schlüssel zum Verständnis des Schmerzes und der Krise, die Iran durchleiden musste. Und der Mahdi – der von den Muslimen erwartete letzte Prophet, Glaubens- und Welterneuerer – kündigt eine Zukunft an, die über die unmittelbare Krise hinausgeht. Die Notwendigkeit einer Rückkehr zur Integrität in der Übermittlung von Informationen ist umso dringlicher, seit die Versuche, die Realität mittels einer Umkehrung der Erzählungen zu drehen, in denen ein vermeintlicher Sieg verkündet wird, zu noch mehr Verlusten führen. 

Betrug wird schnell aufgedeckt und es dauert ein Jahrzehnt, neues Vertrauen aufzubauen. Glaubt der Westen wirklich, dass er sich auf diese Weise retten kann? Seit der Ukraine-Krise glaubt niemand, außer ihrer Autoren, an diese westlichen Märchen aus Geheimdienstkreisen. Und diese Kreise sind nun auf lange Sicht verdorben. Am Ende sind militärische Fakten aussagekräftiger als politisches Geschwafel.

Hier spielt noch ein weiterer Faktor eine Rolle. Als der EU-Außenbeauftragte, Peter Stano, nach den ukrainischen Raketenangriffen auf die russische Stadt Belgorod, die über zwei Dutzend zivile Opfer forderten, von der russischen Nachrichtenagentur TASS danach gefragt wurde, antwortete er: "Zu dem konkreten Vorfall in Belgorod liegen keine Informationen vor. Informationen aus Russland können nicht als vertrauenswürdig gelten", und warf Moskau vor, "ständig Lügen, Manipulation und Propaganda" zu verbreiten. Hier liegt die dunkle Kehrseite der "Kontrolle des Narrativs", die sich von den Fakten loslöst, die vor Ort herrschen: Der EU-Sprecher ist gezwungen, das verbindliche Narrativ vom "Recht der Ukraine, sich gegen Aggression zu verteidigen" zu bekräftigen – um dann alles zunichtezumachen, was aus Russland verkündet wird.

Einfach ausgedrückt: Die "Kontrolle des Narrativs" tötet Empathie. Sie tötet aktives Zuhören und Verstehen. Diplomaten sollten eindringliches Zuhören beherrschen. Wenn das, was sie hören, im Widerspruch zu dem steht, was sie erwarten oder hören wollen, sollten sie genauer zuhören und versuchen herauszufinden, was sich hinter dem Gehörten verbirgt, um zu erfassen, was beabsichtigt war, und um ihren Gesprächspartner besser zu verstehen. Der Westen praktiziert all dies derzeit nicht.

Oft wird gefragt, warum es heute so wenig Empathie gibt? Warum reden Staaten aneinander vorbei? Warum sind Kommunikationskanäle blockiert? Nun, hier ist ein Grund: Umgedrehte Narrative, die auf leicht aufzudeckenden Unwahrheiten basieren.

Doch die westliche Niederlage in der Ukraine ist möglicherweise nur ein Teil einer Anhäufung westlicher "Niederlagen". Eine Niederlage in Israel würde den Kern des politischen Seins der USA treffen – emotional zu nah, als dass man sie leichtfertig beiseiteschieben könnte. Und im Nahen Osten könnte noch mehr Unheil drohen.

Nur um es klarzustellen: Das Spinnen eines Gewebes aus Wahnvorstellungen und der Unehrlichkeit gegenüber der Wahrheit, die dahinter lauert, schadet letztlich seinem Urheber. Es lässt die Menschen desorientiert und unsicher zurück, tritt auf dem losen Schotter der Vergangenheit herum und sucht nach einem Verständnis für die krachende Niederlage, auf die man völlig unvorbereitet war.

Es besteht dann die Gefahr, dass eine Nation durch die Romantik von Schlachtrufen wie "Gemeinsam werden wir siegen" – derzeit in ganz Israel zu hören – vom Kurs der endgültigen Katastrophe abgelenkt wird: "Jeder, der deutsche Geschichte und das Phänomen Goebbels studiert hat, erkennt, was für ein gefährliches Instrument Propaganda ist – eines, das zu einem (katastrophalen) nationalen Kursverlust führen kann."

Erstveröffentlichung in englischer Sprache bei Strategic Culture Foundation.

Alastair Crooke ist ein ehemaliger britischer Diplomat, Gründer und Direktor des in Beirut ansässigen Conflicts Forum.

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