Meinung

Nicht vorrangig zum Schutz vor Russland: Wozu Polen die größte Armee Europas braucht

Dass Warschau nicht vorrangig aus Angst vor der Übermacht Russlands sein Militär aufrüstet – zumal Russland auch keine Gebietsansprüche an Polen stellt – dürfte bekannt sein. Die Art und die Mengen der eingeplanten Waffen implizieren einmal mehr Eroberungen in der Ukraine.
Nicht vorrangig zum Schutz vor Russland: Wozu Polen die größte Armee Europas brauchtQuelle: www.globallookpress.com © Keystone Press Agency

von Oleg Chawitsch

Die polnische Armee ist seit Anfang des Jahres 2022 um 16.500 Soldaten und Offiziere auf 160.000 Mann angewachsen und wird weiterhin schrittweise aufgestockt – mit einer Personalzahl von 300.000 Mann als vorläufigem Ziel. Der stellvertretende Verteidigungsminister des Landes, Senator Wojciech Skurkiewicz, gab dies bekannt. Ihm zufolge soll die letztgenannte Zahl eine Perspektive für das Jahr 2035 darstellen.

In der Tat: Das im Mai 2022 verabschiedete Gesetz über die Landesverteidigung Polens sieht vor, dass die polnische Armee bis zum Jahr 2035 auf 250.000 Berufssoldaten in den Streitkräften und 50.000 in den Landwehren aufgestockt werden soll. Allem Anschein nach wird man in Warschau jedoch versuchen, diese Zahlen früher zu erreichen – solange es unter dem Deckmantel der "russischen Bedrohung" möglich ist, Geld für Militärausgaben herauszuschlagen und dabei die Fragen unbeantwortet zu lassen, warum man sich auf einen Krieg ausgerechnet gegen Russland vorbereitet, das keine territorialen Ansprüche gegen Polen erhebt.

Die erwähnte Rede des Pan Skurkiewicz besagt, dass das Verteidigungsministerium 97,45 Milliarden Złoty (d.h. mehr als 20 Milliarden US-Dollar oder Euro nach aktuellem Kurs) für das Jahr 2023 fordert. Der stellvertretende polnische Verteidigungsminister räumt ein:

"Dies ist ein Rekordbudget, selbst im Vergleich zum laufenden Jahr, in dem unser Verteidigungshaushalt mit 58 Milliarden Złoty ein respektables Niveau erreicht hatte."

Ihm zufolge liege das Hauptaugenmerk nun auf der Aufstellung von zwei neuen mechanisierten Divisionen in Ostpolen mit Kommandostäben in Olsztyn und Siedlce.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums werde Polen im nächsten Jahr 125.000 Berufssoldaten in den Streitkräften, 38.000 in den territorialen Verteidigungskräften und über 3.000 Offiziere des militärischen Geheimdienstes und der Spionageabwehr haben. Darüber hinaus sollen 25.000 Personen in Einheiten des neu geschaffenen freiwilligen Grundwehrdienstes rekrutiert werden (der eine zwölfmonatige intensive Ausbildung mit anschließender Zuweisung in die Reserve vorsieht), und fast 10.000 künftige Soldaten und Offiziere werden sich in verschiedenen Stadien der Aus- und Fortbildung befinden.

Jedoch geht es bei der Verwirklichung der Ansprüche des polnischen Verteidigungsministers Mariusz Blaszczak (in deren Kontext die obigen Aussagen seines Stellvertreters zu sehen sind) dahingehend, dass Polen über die stärksten Bodentruppen unter den europäischen NATO-Staaten verfügen werde, beileibe nicht nur um die Aufstockung des Personals. Polen führt seit mehreren Jahren ein massives Aufrüstungsprogramm durch, das im Jahr 2022 gigantische Ausmaße angenommen hat.

Symbolisch dafür ist der im Mai dieses Jahres gestellte Antrag Polens an die USA auf den Erwerb von 500 Einheiten des Systems M142 HIMARS (Mehrfachraketenwerfer mit einem Kaliber von 227 Millimetern). Die polnischen Streitkräfte verfügen derzeit über 20 HIMARS-Raketenwerfer, während die US-Armee 363 und die US-Marineinfanterie 47 davon im Einsatz hat. Darüber hinaus erhielt Polen bereits zwei Batterien des US-Luftabwehrsystems Patriot und bestellte sechs weitere, orderte 250 Abrams-Panzer in den neuesten Konfigurationen (die ersten 28 sind bereits im Land, der Rest wird für nächstes Jahr erwartet) und forderte 96 US-Kampfhubschrauber Apache AH-64E an. Warschau setzt auch auf die F-35-Jets, aber die Termine für ihre Ankunft in der polnischen Luftwaffe verschieben sich ständig in die Zukunft. Außerdem werden die bereits mit den USA unterzeichneten Verträge Polens entweder auf Kredit oder mit Zahlungsaufschub bedient – obwohl sie sich auf mehrere Milliarden Dollar beziffern –, was wenig Eile beim Lieferanten impliziert.

Viel interessanter sind daher die Rüstungskäufe Polens bei Südkorea, für die sich Warschau zur Sofortzahlung verpflichtet. Ende Juli 2022 wurde der Kauf von 48 leichten Kampfflugzeugen des Typs FA-50, mehr als 600 Panzerhaubitzen des Typs K9 und fast 1.000 Panzern des Typs K2 erörtert. Im Oktober schlossen die zuständigen polnischen Behörden die Verhandlungen mit Seoul über den Kauf von etwa 300 Stück des Mehrfachraketenwerfers K239 Chunmoo ab, einem Äquivalent zum US-System HIMARS. Blaszczak kommentierte damals, dass Polen ursprünglich nur US-Mehrfachwerfer kaufen wollte – nun sei aber beschlossen worden, dass das Land sowohl die HIMARS als auch K239 Chunmoo kaufen werde. Offenbar kann die US-Rüstungsindustrie ihre Werfer einfach nicht rechtzeitig in der erforderlichen Menge herstellen.

Der genaue Wert der Waffenverträge zwischen Polen und Südkorea ist nicht bekannt, aber Anfang August schätzte ihn das Portal Asia News auf 14,5 Milliarden US-Dollar. Das referierte Nachrichtenportal, das ein offizielles Organ des Päpstlichen Instituts für die Auslandsmissionen im Vatikan ist, hebt dabei zweierlei hervor:

Erstens bereitet sich Polen tatsächlich auf einen Krieg mit Russland vor und will die militärische Führung in Europa übernehmen, wenn ein Krieg in Zukunft nicht mehr zu vermeiden oder zu ignorieren ist. Dies ist die offizielle Position Warschaus, auf die man dort sogar stolz ist. Und zweitens könnten einige koreanische Waffen heimlich in die Ukraine geliefert werden.

Da die ukrainischen bewaffneten Formationen jedoch nicht darauf vorbereitet sind, mit koreanischem Militärgerät zu arbeiten, könnte dessen Ankunft auf ukrainischem Territorium... zusammen mit der der polnischen Armee stattfinden. Und dies werden nicht mehr Tausende von Söldnern oder Spezialkräften im Rahmen von "internationalen Bataillonen" sein, sondern reguläre Regimente oder sogar Divisionen – wie zum Beispiel die beiden oben Genannten, die im Osten Polens aufgestellt werden.

Die Ukraine – so viel, wie Warschau abbeißen kann

Denn wenn man die Analyse der Warschauer Pläne zur Verdoppelung der Armee und zum Kauf von Waffen im Wert von zig Milliarden US-Dollar gerade unter dem Gesichtspunkt der Übernahme der Kontrolle über den westlichen Teil der Ukraine auslegt, dann passt alles zusammen. Obwohl die Bevölkerung in den von Kiew kontrollierten Gebieten bereits kleiner ist als in Polen, ist das Territorium hingegen immer noch größer. Und selbst wenn man nur die polnischen "östlichen Grenzgebiete" berücksichtigt, d.h. Wolhynien und Ostgalizien, die bis zum Jahr 1939 Teil des Zwischenkriegspolens (Zweite Polnische Republik) waren, sind es etwa 100.000 Quadratkilometer – sage und schreibe ein Drittel des heutigen Polens. Nach den Maßstäben der Militärwissenschaft werden hier selbst zwei Divisionen nicht ausreichen, auch wenn man die potenzielle Gewogenheit der Bevölkerung berücksichtigt.

Und allem Anschein nach hoffte Warschau zunächst, das Problem der polnischen Osterweiterung durch die Einbeziehung ausländischer Streitkräfte lösen zu können. Denn am 16. März schlug der Vorsitzende der regierenden PiS-Partei, Jarosław Kaczyński, damals stellvertretender Ministerpräsident zu Sicherheitsfragen, vor, eine bewaffnete NATO-"Friedensmission" in die Ukraine zu entsenden. Und erst nach einer scharfen Ablehnung durch die Partner im Nordatlantikbündnis beschloss Polen, sich lieber auf einen nächsten "Marsch auf Kiew" aus eigenen Kräften vorzubereiten. Es liegt auf der Hand, dass die ukrainischen Soldaten und Offiziere, die jetzt auf polnischem Boden ausgebildet werden, bei diesem Marsch lediglich die Vorhut bilden werden.

Zweifellos werden die polnischen Militärs die traurigen Erfahrungen ihrer Landsleute während der derzeitigen Feindseligkeiten in der Ukraine berücksichtigen müssen: Zum Beispiel fuhren einige von ihnen kürzlich als Teil einer Einheit ausländischer Söldner zum Angriff auf russische Stellungen am Frontabschnitt Krasny Liman. Doch da sich die Polen weigerten, an diesem selbstmörderischen Angriff teilzunehmen, setzte das ukrainische Kommando als Absperrtruppen Kämpfer der nazistischen ukrainischen Terrormiliz "Rechter Sektor" ein, die längst in die ukrainischen Streitkräfte integriert ist.

Bemerkenswerterweise gelang es den polnischen Söldnern, sich erfolgreich zu wehren, obwohl sie zahlenmäßig unterlegen waren. Warschau hat jedoch eindeutig nicht die Absicht, seine Berufsarmee in eine ähnliche Lage zu bringen, sollte sie in der Ukraine eingesetzt werden. Die polnischen Behörden verstärken ihre Armee und beobachten in aller Ruhe die Reduzierung der Truppen ihres ukrainischen Verbündeten... aber ist die Ukraine für sie auch wirklich ein Verbündeter?

Nach den Ergebnissen einer am 27. Oktober veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts United Surveys betrachten 73 Prozent der befragten Polen die USA als ihren wichtigsten militärischen Verbündeten, 6 Prozent Großbritannien und nur jeweils 2 Prozent Deutschland respektive die Ukraine. Im Übrigen sprachen sich bei derselben Umfrage 63,4 Prozent der Befragten für eine Aufstockung der polnischen Armee auf 300.000 Mann aus.

Mehr zum Thema – "Quo Vadis", geliebtes Polen? – Warschaus sturer Kurs zum Bruch mit Berlin

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei Wsgljad.

Oleg Chawitsch ist gebürtiger Westukrainer und Experte für die ukrainische Politik. Seit 2014 publiziert er hauptsächlich auf der Plattform ukraina.ru und in russischen Medien. 

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.