Meinung

US-Nachrichtensender zieht kritischen Bericht zurück – und fördert damit Kiews Propaganda

Der Nachrichtensender CBS News hat einen kritischen Bericht über die ukrainische Regierung und die Waffenlieferungen aus dem Westen veröffentlicht. Doch als aus der Ukraine ein empörter Aufschrei ertönte, ruderte der Sender zurück und nahm den Film vom Netz.
US-Nachrichtensender zieht kritischen Bericht zurück – und fördert damit Kiews PropagandaQuelle: AFP © GREGG NEWTON / AFP

Ein Kommentar von Caitlin Johnstone

Nach massiven Einwänden der ukrainischen Regierung hat CBS News einen Dokumentarfilm vom Netz genommen, in dem von zahlreichen Interviewpartnern Bedenken geäußert wurden, dass ein großer Teil der in die Ukraine gelieferten Waffenlieferungen überhaupt je an die Front gelangen.

Die ukrainische Regierung hat daraufhin einen Protest gegen den Bericht von CBS News auf ihrer amtlichen Webseite veröffentlicht und dabei namentlich ukrainische Offizielle zitiert, die gegen die Aussagen im Film Einspruch erhoben, und erklärt, warum alle Interviewpartner, die im Bericht zu Wort gekommen – und der ukrainischen Seite offensichtlich nicht genehm sind – aus dem Film geschnitten werden sollten. CBS News nahm daraufhin den Film vom Netz und löschte auch den Tweet mit einem Trailer, mit dem er angekündigt worden war. Der ukrainische Außenminister Dmitri Kuleba verkündete daraufhin, dass dies ein guter Anfang sei, aber noch nicht genug.

"Wir heißen den ersten Schritt willkommen, aber das ist nicht genug", twitterte Kuleba. "Ein riesiges Publikum wurde in die Irre geführt, indem man unbegründete Behauptungen geteilt und damit das Vertrauen in eine Nation beschädigt hat, die lebenswichtige militärische Hilfe benötigt und sich einer Aggression und einem Völkermord widersetzt. Es sollte eine interne Untersuchung darüber geben, wer diesen Film ermöglicht hat und warum."

Auch der Onlineartikel von CBS News zum Dokumentarfilm wurde umbenannt von "Nur 30 Prozent erreichen ihr vorgesehenes Ziel: Warum Militärhilfe für die Ukraine nicht immer an der Front landet" in den viel moderateren Titel "Warum Militärhilfe in der Ukraine möglicherweise nicht immer an der Front landet". Die Begründung der Redaktion zu der neuen Version des Artikels lautet wie folgt: "Dieser Artikel wurde aktualisiert, um Veränderungen seit den Dreharbeiten für den 'CBS News'-Bericht 'Arming Ukraine' (Die Ukraine bewaffnen) widerzuspiegeln und auch der Dokumentarfilm selbst wird angepasst. Jonas Ohman sagt, dass sich die Situation rund um die Waffenlieferungen seit den Dreharbeiten mit CBS News seit Ende April erheblich verbessert hat. Die Regierung der Ukraine wies zudem darauf hin, dass der US-Verteidigungsattaché, Brigadegeneral Garrick M. Harmon, im August 2022 zum Zweck der Rüstungskontrolle und -überwachung nach Kiew kam."

CBS News erklärt nicht, warum es so lange gedauert hat, bis dieser Film überhaupt veröffentlicht wurde oder warum im Vorfeld der Veröffentlichung nicht überprüft wurde, ob sich in den vergangenen Monaten, inmitten eines sich dynamischen entwickelnden Krieges, etwas an der Situation vor Ort geändert hat. Oder warum man ursprünglich der Meinung war, die im Film gemachten Aussagen seien glaubwürdig genug, so dass der Film veröffentlicht werden kann und – nach dem Kiew Einwände erhob –  nicht mehr.

Jemand hat die alte Version der Dokumentation auf YouTube hochgeladen, aber weil allgemein bekannt ist, dass die Schere der Zensur auf dieser Plattform besonders scharf ist, kann man sich den Film auch auf Bitchute ansehen.

Grundsätzlich stellt sich der Film auf die Seite der Ukraine und zeigt sich Russland gegenüber sehr ablehnend. Aber er enthält eine Reihe von Aussagen, die alle darauf schließen lassen, dass es gute Gründe zur Annahme gibt, dass viele der militärischen Güter, die in die Ukraine geschickt werden, nie dort ankommen, wo sie ankommen sollen. Der ursprüngliche Artikel zitierte den oben erwähnten Jonas Ohman, Gründer von Blue/Yellow, einer in Litauen ansässigen Organisation, die seit Beginn des Konflikts in der Ukraine, das Land mit nicht letaler militärischer Hilfe versorgt.

"All diese Güter gehen über die ukrainisch-polnische Grenze. Und ab da passiert etwas. Nur etwa 30 Prozent dieser Güter erreichen tatsächlich ihr endgültiges Ziel. 30 bis 40 Prozent, das ist meine Schätzung", sagte er noch im April dieses Jahres.

"Die USA haben unzählige Flugabwehr-, Artillerie- und Panzerabwehrsysteme, Artilleriegeschosse, Drohnen und Millionen von Patronen für Kleinwaffen geliefert", berichtet Adam Yamaguchi von CBS News bei Minute 14 im Film. "Aber in einem Konflikt, bei dem die Frontlinien diffus sind und sich die Bedingungen vor Ort jederzeit ohne Vorwarnung ändern können, erreichen nicht alle dieser Güter ihre Bestimmungsorte. Einige berichteten uns auch, dass Waffen gehortet werden, oder –noch schlimmer – befürchten, dass sie auf dem Schwarzmarkt gelandet sind, ein Gewerbe, das unter der grassierenden Korruption in der postsowjetischen Ukraine gedeihen konnte."

"Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass die meisten dieser Güter bei den Fronteinheiten nie ankommen", sagt Andy Milburn vom Söldnerunternehmen Mozart bei Minute 17:40 zu Yamaguchi. "Drohnen, IFAKs (Individuelle Erste Hilfe Sets), Panzerwesten, Helme – egal was."

"Könnte man dies, als ein kleines schwarzes Loch bezeichnen?" fragt ihn Yamaguchi, worauf dieser antwortet: "Ich behaupte mal, wenn man nicht sehen kann, wo dieses Zeugs landet und wenn man sich diese Frage stellen muss, dann scheint es, dass es ein schwarzes Loch gibt, ja."

Die Frage von Yamaguchi war vermutlich eine Anspielung auf einen Bericht von CNN vom vergangenen April. Deren Gewährsmann berichtete, dass die Ausrüstung, die geschickt wird, "in ein großes schwarzes Loch fällt und man in kürzester Zeit die Übersicht darüber verliert".

"Wir wissen es einfach nicht", war die Antwort von Donatella Rovera von Amnesty International bei Minute 18:45 auf die Frage von Yamaguchi, ob bekannt ist, wo die Waffen landen, die in die Ukraine geschickt werden. "Es gibt wirklich keine Informationen darüber, welchen Weg sie überhaupt nehmen", sagt Rovera. "Besorgniserregender ist, dass zumindest einige der Länder, die Waffen schicken, nicht der Meinung zu sein scheinen, dass es in ihrer Verantwortung liegt, einen sehr robusten Aufsichtsmechanismus einzurichten, um sicherzustellen, dass sie wissen, wie diese jetzt und heute eingesetzt werden, aber auch wie sie später eingesetzt werden könnten – und auch werden."

Ein Nachrichtensender, der einen Filmbericht zurückzieht, weil er der eigenen Regierung nicht genehm ist, wäre bereits ein skandalöser Verstoß gegen jede journalistische Ethik. Aber ein Nachrichtensender, der einen Filmbericht zurückzieht, weil er einer ausländischen Regierung nicht genehm ist, ist weit mehr als das.

Wir haben bereits erlebt, dass westliche Medien buchstäblich jede Behauptung der ukrainischen Regierung ungefiltert wiedergeben, selbst in bizarren Fällen, wie dem jüngsten Bericht, dass Russland Raketen auf ein Atomkraftwerk abgefeuert haben soll, das seit Februar unter der Kontrolle des russischen Militärs ist. Oder beim Wiederkäuen der Behauptung, die Russen hätten Kinder zu Tode vergewaltigt, die unkritisch von einer ukrainischen Amtsträgerin übernommen wurde und die schließlich vom ukrainischen Parlament gefeuert wurde, nachdem ihre Falschbehauptung aufgeflogen war.

Jetzt aber verbreiten westliche Medien nicht nur unkritisch jede Behauptung, die von der ukrainischen Regierung in die Welt gesetzt wird, sie sind nun anscheinend auch dazu bereit, ihre eigenen Behauptungen zurückziehen, wenn die ukrainische Regierung sie dazu auffordert.

Nicht nur Beobachter wie ich halten die westlichen Medien für Propagandisten, sondern offenbar halten diese sich selbst für solche. Wenn man beobachtet, wie die westlichen Medien es als ihre Aufgabe sehen, immer nur Informationen weiterzugeben, die einer Seite in diesem Krieg hilft und alle Informationen, die ihr nicht hilft, wegzulassen, dann ist die Rolle des Propagandisten offensichtlich. Selber mögen sie sich vielleicht nicht so nennen, aber gemäß jeder vernünftigen Definition dieses Wortes, sind sie es.

Im Westen sehen sehr viele Jünger von Selenskij darin sogar die eigentliche Rolle der Medien. Jeder der Skepsis gegenüber den Narrativen des US-Imperiums über die Ukraine in das Bewusstsein des Mainstreams einbringt, wird wütend verurteilt, wütet dann aber gleichzeitig auch gegen jeden, der behauptet, dass über die Ukraine nicht die Wahrheit gesagt wird. Sie verlangen danach, belogen zu werden, nennen aber jeden einen Lügner, der feststellt, dass dies bedeutet, dass man belogen wird.

Man kann nicht beides haben. Entweder will man, dass die Massenmedien als Kriegspropagandisten dienen, oder man will, dass sie die über Wahrheit berichten. Man kann nicht gleichzeitig beide Positionen einnehmen, denn sie schließen sich gegenseitig aus. Viele jedoch wünschen sich die erstgenannte Position und das kann zu nichts Gutem führen.

Caitlin Johnstone ist eine unabhängige Journalistin aus Melbourne, Australien. Ihre Arbeit wird vollständig von Lesern unterstützt. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, erwägen Sie bitte, ihn zu teilen. Mann kann Caitlin Johnstone auf Facebook, Twitter, Soundcloud oder YouTube zu folgen, eine Ausgabe ihres monatliche erscheinenden E-zine erwerben oder etwas Geld in ihre digitale Trinkgeld-Büchsen auf Ko-fi, Patreon oder Paypal werfen. Wer mehr lesen möchte, kann auch ihre Bücher kaufen.  Caitlin Johnstone erteilt jeder, ausgenommen Plattformen mit rassistischen Inhalten, die Erlaubnis Teile dieser Arbeit – oder alles andere, was sie geschrieben hat – auf beliebige Weise kostenlos erneut zu veröffentlichen, zu verwenden oder zu übersetzen. Für weitere Informationen darüber, wer Caitlin Johnstone ist, wo sie steht und was sie mit ihrer Plattform beabsichtigt, klickt man hier. Alle Arbeiten entstehen zusammen mit Ihrem amerikanischen Ehemann Tim Foley. Ihre Website findet sich hier.

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