
"Renn oder brenn!": Connewitzer Pro-Israel-"Antifa" verübt Brandanschläge gegen Linke

Von Alexandra Nollok
Manche Label halten sich im bürgerlichen Mainstream hartnäckig. Dazu gehört die Darstellung des Leipziger Wohnviertels Connewitz als "linke Antifa-Hochburg". Doch Connewitz ist seit Jahren fest in der Hand von rechten USA- und Israel-Fans, den sogenannten "Antideutschen". Mit Antifaschismus haben die nicht viel am Hut. Stattdessen sind dort Angriffe auf antiimperialistische Linke und Migranten an der Tagesordnung.
Das musste die Fußballerin Lisa K. nun drastisch erfahren: Weil sie im Verein "Roter Stern Leipzig" ein Palästina-Trikot getragen und gegen dessen Unterstützung Israels argumentiert haben soll, wurde sie wochenlang mit Morddrohungen terrorisiert. "Lisa K. renn oder brenn!", war unter anderem an einer Hauswand zu lesen. Dem sind nun Taten gefolgt: Unbekannte legten Feuer in ihrer und einer weiteren Wohnung, die Polizei geht von Brandstiftung aus. Doch die Presse interessiert sich nicht besonders für die Gewalttaten des Pro-Israel-Lagers. Denn das setzt schließlich die deutsche Staatsräson durch.

Wegen Palästina-Trikot: "Jagen, töten, vergewaltigen"
Als die Leipziger Volkszeitung (LVZ) den Verdacht der Brandstiftung am 4. November vorsichtig als Frage formulierte, lagen die Anschläge in der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober fast fünf Tage zurück. "Konflikt in Connewitz: Hat ein Wohnungsbrand mit Drohungen im Viertel zu tun?", titelte sie verdruckst. Zu dieser Zeit ermittelte die Polizei bereits wegen Brandstiftung.
Im Text verwies die LVZ zumindest vage auf vorausgegangene Drohungen: "Seit Wochen tauchen im Viertel immer wieder Graffiti auf, die sich gegen Lisa K. richten, darunter auch gewaltsame Aufrufe und der Satz: "Wir kriegen dich"." Die Urheber seien unbekannt. Zuvor habe K. Anfeindungen durch Pro-Israel-Aktivisten im Connewitzer Sportverein "Roter Stern Leipzig" (RSL) öffentlich gemacht. Begonnen hat "der Streit" laut LVZ mit einem "FC-Palestine"-Trikot, das andere Vereinsmitglieder als "antisemitisch" einstuften.
Gemessen an der Realität liest sich das Geschwätz von einem "Streit" verharmlosend. Denn den Anschlägen gingen massive Drohungen voraus. Bereits Mitte September tauchten über 80 Graffiti in Connewitz auf, auch am Wohnhaus von Lisa K., wie das Online-Portal Etos.Media dokumentiert hat. Zu lesen war dort etwa: "Lisa K. Renn oder brenn!". Man wolle sie "jagen", "töten", "totknüppeln", "nach Gaza deportieren", "vergewaltigen" lassen und "lieber 100 Nazis im Kiez als Lisa K." haben. Der RSL reagierte darauf maximal relativierend.
Medien schweigen zu gewalttätigen Israel-Extremisten
Ihre Angst vor den gewaltbereiten Israel-Fans hat K. vielleicht sogar das Leben gerettet. Denn sie hatte sich schon seit Tagen nicht mehr in ihre Wohnung getraut und war bei Freunden untergekommen. Außerdem hatten Nachbarn wohl schnell die Feuerwehr alarmiert, die ein Übergreifen des Brandes verhindern konnte. In derselben Nacht verübten Unbekannte noch einen zweiten Brandanschlag in Connewitz. Ziel war ein Haus, an dessen Fassade das Solidaritätsgraffito "We stand with Lisa" (zu Deutsch: "Wir stehen hinter Lisa") stand. Die Täter haben demnach einen Kinderwagen im Flur angezündet. Man könnte dies als Mordanschlag werten.
Doch dieselben deutschen Leitmedien, die seit Wochen Hetzkampagnen gegen Berliner Linke-Politiker fahren, weil diese etwa aus dem Völkerrecht zitierten, dass selbiges kein Existenzrecht für Staaten vorsieht, schweigen zu den Auswüchsen in Leipzig. Außerhalb von kleinen, linken Nischenmedien findet man fast nichts. Denn dieser Fall passt offenkundig nicht ins Narrativ. Danach sind bekanntlich Antiimperialisten und Palästina-Aktivisten stets die "Bösen" und Völkermord verharmlosende Israel-Fans die "Guten".
Im bürgerlichen Spektrum berichtete neben der LVZ lediglich die rechtskonservative Website Apollo News über den "antideutschen" Terror im Leipziger Süden. Was erstere als "Streit im Verein" abtut, verharmlost auch letztere als "Streitigkeiten zwischen linken Szeneflügeln". Statt einer Analyse bekommen die Leser also wieder nur oberflächliche Labels samt Pathologisierung präsentiert.
Der transatlantische Wahn der "Antideutschen"
Denn "Antideutsche" sind realpolitisch das Gegenteil von Linken. Politisch "links" sein bedeutet per Definition zunächst einmal, alle Menschen als gleichwertig zu betrachten und gegen Ausbeutung und Unterdrückung zu sein. Linke sehen gesellschaftliche Probleme als Folge materiellen und sozialen Abgehängtseins in einer Klassengesellschaft, nicht als Auswuchs genetischer oder kultureller "Veranlagung".
Die "Antideutschen" warfen diese Haltung seit ihrer Entstehung um das Jahr 1990 zunehmend über den Haufen. Schon ihr Glaube, Deutsche neigten aufgrund ihres Deutschseins zu Faschismus und Antisemitismus, weshalb sie eine Schutzmacht (USA) benötigten, war im Kern ein völkisches Konstrukt. Daraus erwuchs ein regelrechter Kult für den US-Imperialismus, den sie zum "antifaschistischen Schutzwall" verklärten.
Seit der Jahrtausendwende glorifizieren "Antideutsche" sämtliche US-Kriege und die berühmten "westlichen Werte" – eine moderne Figur des europäisch-weißen Chauvinismus. Zuweilen betiteln sie Muslime gar als "neue Nazis" oder fantasieren eine islamistisch-kommunistische Verschwörung herbei.
Der marxistische Blog "Klasse gegen Klasse" beschreibt die heutigen Folgen so: "Als fanatische Parteigängerin Israels ist die rasch schrumpfende 'antideutsche' Strömung heute fest an die Seite des Staats gerückt und handelt (...) als Hilfspolizei des deutschen Imperialismus unter dem Deckmantel der Bekämpfung eines angeblich virulenten Islamobolschewismus." Die Bezeichnung "antideutsch" ist ein Relikt früherer Selbstbezeichnung und eigentlich überholt.
Schläger für die Staatsräson mit "Antifa"-Aufkleber
Innerhalb der Linkspartei, früher PDS, wirken "Antideutsche" seit jeher zersetzend. Sie bewerfen nicht nur Kapitalismuskritiker mit Antisemitismusvorwürfen. Dokumentiert sind zahlreiche Überfälle und initiierte Schmutzkampagnen gegen linke Antiimperialisten über Jahre hinweg. Sie stechen interne Dokumente an Axel-Springer-Medien oder den Tagesspiegel durch, bedrohen Parteimitglieder, betreiben Ausschlussverfahren und haben sich längst in der reformistischen Parteiführung festgesetzt. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Szene mutmaßlich von israelischen Lobbyorganisationen gefördert wird.
"Antideutsche"-Hochburgen bildeten sich vor allem in Hamburg, Halle (Saale) und Leipzig-Connewitz heraus. Die Szene betreibt Klubs, Kneipen und Vereine, darunter auch den Sportverein "Roter Stern Leipzig". Zu ihren Publikationen gehören Zeitschriften wie "Bahamas" und "Jungle World". Dort hetzen sie ausgiebig gegen Muslime und stehen CDU und AfD dabei in nichts nach. Im Jahr 2018 zog die Rosa-Luxemburg-Stiftung ihre Förderung für den Connewitzer Klub "Conne Island" wegen AfD-naher proisraelischer Redner zurück.
Heute posieren viele Antideutsche ganz offen mit proisraelischen Rechtsextremisten. Als im letzten Januar palästinasolidarische Antiimperialisten gegen Angriffe durch "Antideutsche" in Connewitz protestierten, marschierten letztere mit Flaggen der israelischen Armee auf und erhielten breite Unterstützung aus dem rechten Lager, von der CDU bis hin zur Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Trotzdem faselten öffentlich-rechtliche Medien von einem "innerlinken Konflikt".
Die Befürchtung, dass die "antideutsche" Szene ihre Angriffe gegen Antiimperialisten, Sozialisten, Kommunisten und Migranten ausweiten könnte, ist eingetreten. Gewöhnlich würde so ein Brandanschlag auf eine Wohnung wohl als Mordversuch gelten. Im Fall Lisa K. ist das eher nicht zu erwarten, denn zu wichtig sind "Antideutsche" für den deutschen Staat: als Straßenkampftruppe mit "Antifa"-Aufkleber gegen alle, die die kriegerische imperialistische Weltordnung tatsächlich infrage stellen.
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