UBS liebäugelt mit Abschied aus der Schweiz

Die UBS gerät wegen strengerer Kapitalvorschriften unter Druck. London wirbt um den Hauptsitz der Schweizer Grossbank, während auch die USA als Alternative gehandelt werden.

Die Schweiz verschärft die Kapitalvorschriften für ihre grösste Bank. Doch statt sich den Forderungen aus Bern zu beugen, prüft die UBS Alternativen im Ausland. London wirbt bereits um den Konzernsitz, auch die USA kommen ins Spiel. Grossaktionäre erhöhen den Druck. Für den Schweizer Finanzplatz steht viel auf dem Spiel.

Die britische Regierung hat versucht, die UBS nach London zu holen. Wie die Financial Times berichtet, sprach die damalige Finanzministerin Rachel Reeves mit UBS-Verwaltungsratspräsident Colm Kelleher über eine Verlegung des rechtlichen Hauptsitzes und der Börsenkotierung nach Grossbritannien. Das jüngste bekannte Treffen fand Anfang 2026 statt. Beide Seiten wollten den Bericht nicht kommentieren.

Für London wäre ein solcher Wechsel ein erheblicher Gewinn. Mit einem Börsenwert von rund 129 Milliarden Franken würde die UBS zum viertgrössten Unternehmen im britischen Leitindex FTSE 100 aufsteigen, hinter HSBC, Shell und AstraZeneca. Bereits heute beschäftigt die Bank in Grossbritannien rund 8.000 Mitarbeiter in der Vermögensverwaltung, im Investmentbanking und in der Anlageverwaltung.

Dass London gerade jetzt um die Schweizer Grossbank wirbt, ist kein Zufall. Seit der Übernahme der Credit Suisse im Jahr 2023 streiten die UBS und die Schweizer Politik über die künftigen Eigenkapitalanforderungen. Der Bund will verhindern, dass die Steuerzahler bei einer erneuten Bankenkrise wieder für Verluste aufkommen müssen. Finanzministerin Karin Keller-Sutter setzt deshalb auf strengere Regeln für systemrelevante Banken.

Auslöser des Konflikts sind die neuen Kapitalvorschriften für ausländische UBS-Tochtergesellschaften. Der Bundesrat wollte deren vollständige Unterlegung mit hartem Kernkapital vorschreiben. Der Ständerat beschloss im September 2026 eine Quote von 90 Prozent und lehnte eine Regelung ab, die der UBS mehr Spielraum beim Einsatz von AT1-Instrumenten gelassen hätte.

Die UBS beziffert den zusätzlichen Kapitalbedarf aus der vorgesehenen Regelung auf rund 16 Milliarden Dollar. Je nach Ausgestaltung wurden auch höhere Beträge diskutiert. Das Geld wäre nicht verloren, müsste aber zusätzlich gebunden werden und könnte nicht mehr im gleichen Umfang für andere Geschäfte eingesetzt werden. Die Bank warnt deshalb vor einer sinkenden Rendite und Wettbewerbsnachteilen gegenüber amerikanischen Konkurrenten.

Der Streit wird inzwischen auch von den Aktionären angeheizt. Der US-Vermögensverwalter Artisan Partners, der rund 1,8 Prozent an der UBS hält, hat den Verwaltungsrat aufgefordert, einen Wegzug ernsthaft zu prüfen. Die Schweiz sei kein attraktiver Standort mehr, lautet die Kritik des Investors. Auch Cevian Capital, das rund 1,5 Prozent der Aktien hält, hat sich kritisch zu den Kapitalvorschriften geäussert.

Für die Grossaktionäre geht es um die Rendite ihres eingesetzten Kapitals. Wenn die UBS Milliarden zusätzlich vorhalten muss, ohne damit entsprechend höhere Erträge zu erzielen, könnte dies den Unternehmenswert belasten. Die Standortfrage wird damit zu einem Thema, das weit über die Beziehungen zwischen der Bank und dem Bundesrat hinausgeht.

London ist nicht die einzige Alternative. Vor allem die Vereinigten Staaten kommen als neuer Standort infrage. Der US-Markt bietet grosse Wachstumschancen in der Vermögensverwaltung, während die Kapitalvorschriften für bestimmte Geschäftsmodelle weniger streng ausfallen können.

Bereits Ende 2025 war über Gespräche zwischen Kelleher und US-Finanzminister Scott Bessent über einen Umzug berichtet worden. Mitte Oktober 2026 meldeten Reuters und das Wall Street Journal, dass die UBS angesichts strengerer Schweizer Kapitalregeln verschiedene Szenarien für ihre künftige Ausrichtung prüft.

Dazu gehören neben einer Verlegung des Hauptsitzes auch der Kauf einer kleineren US-Bank mit anschliessendem Standortwechsel, eine Fusion mit einem europäischen Institut oder sogar eine Übernahme durch eine US-Bank. Die Berichte belegen jedoch keinen konkreten Transaktionsplan. Aktive Übernahmegespräche wurden nicht bestätigt.

Ein Abschied aus der Schweiz wäre zudem komplizierter, als es die Debatte über Kapitalquoten vermuten lässt. Die UBS profitiert von der internationalen Reputation der Schweiz, ihrer politischen Stabilität und dem Ruf des Landes als verlässlicher Rechtsstaat. Gerade für wohlhabende Kunden ist diese Kombination ein wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells. Hinzu kommen Bewilligungen, die Schweizer Kundschaft, Arbeitsplätze und die Folgen für die Bankenaufsicht.

Keller-Sutter hat einen Wegzug als deutlich teurer und rechtlich sehr komplex bezeichnet. In der öffentlichen Diskussion wurden zudem mögliche Kosten in Milliardenhöhe genannt. Auch UBS-Chef Sergio Ermotti betont den Wert des Schweizer Standorts und hat klargestellt, dass die Bank keinen Wegzug angedroht habe. Die offizielle Linie bleibt, das globale Geschäft erfolgreich von der Schweiz aus zu führen.

Die Kapitalregeln sind politisch noch nicht endgültig festgelegt. Als Nächstes befasst sich der Nationalrat mit der Vorlage. Der weitere Verlauf des Verfahrens dürfte auch darüber bestimmen, wie sich der Streit zwischen der UBS und Bern entwickelt. Zudem könnte ein Referendum folgen.

Die Schweiz muss höhere Eigenkapitalanforderungen mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ihres Finanzplatzes vereinbaren. Die neuen Regeln sollen das Risiko für die Allgemeinheit begrenzen. Steigen die Kosten für die UBS jedoch zu stark, könnte ein Umzug des rechtlichen Hauptsitzes ins Ausland attraktiver werden. London hat bereits Interesse signalisiert, auch die USA kommen als Alternative infrage.

Ein Wegzug ist bislang nicht beschlossen. Doch allein die Tatsache, dass Regierungen um die UBS werben und Grossaktionäre den Standort infrage stellen, zeigt die Tragweite des Konflikts. Bern will die Risiken einer systemrelevanten Bank besser absichern. Zugleich muss die Schweiz damit rechnen, dass die UBS ihre Standortwahl nicht allein von politischen Erwartungen, sondern auch von den Bedingungen internationaler Konkurrenten abhängig macht.

Mehr zum Thema ‒ Korruption in der Schweiz: Klitschkos Kinder kämpfen nicht