Von Olga Samofalowa
Mithilfe modernster Technologien wollen Wissenschaftler aus Sibirien die Suche nach Seltenen Erden um das Hundertfache beschleunigen.
Die Verringerung der Importabhängigkeit bei diesen überaus wertvollen Metallen hat für Russland oberste Priorität. China nimmt in diesem Bereich nicht einfach nur eine führende Rolle ein, sondern hat quasi eine Monopolstellung inne. Ungeachtet der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und China ist es ratsam, schon heute damit anzufangen, diese Abhängigkeit zu verringern.
Russlands oberstes Ziel ist es nun, seine Abhängigkeit vom Import von Seltenen Erden zu beenden und eine eigene vollständige Wertschöpfungskette dieser strategisch wichtigen Schlüsselrohstoffe aufzubauen – von der Erzgewinnung bis hin zur Herstellung von Hightech-Produkten. Auf diese Weise wird Russland seine Souveränität im Technologie- und im Rohstoffsektor sichern können.
Das Ziel ist klar definiert: Bis zum Jahr 2030 soll der Importanteil von 75 Prozent auf 48 Prozent gesenkt und ein Produktionsvolumen von 7.500 Tonnen Seltenerdmetallen erreicht werden. Russland wird dann zu den fünf größten Förderländern von Seltenen Erden gehören und hat sogar seine Bereitschaft signalisiert, in dieser Frage mit den USA zusammenzuarbeiten, die in die sogenannte chinesische "Seltene-Erde-Falle" geraten sind. China ist auf diesem Gebiet nicht nur weltweit führend, sondern fungiert faktisch als globaler Monopolist. Dies ist einer der wenigen Bereiche, in denen die USA gegenüber der Volksrepublik China äußerst verwundbar und erpressbar sind.
Russland hat im Gegensatz zu den USA mehr Glück, da es über einige der weltweit größten Vorkommen an Seltenen Erden verfügt. Laut Schätzungen des Russischen Forschungsinstituts für mineralische Rohstoffe (WIMS) aus dem Jahr 2025 entfallen auf Russland etwa 5,5 Prozent aller weltweiten Vorkommen. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dass das Erz zunächst gefördert und anschließend verarbeitet sowie in die jeweils auf dem Markt gefragten Seltenen Erden aufgetrennt werden muss.
Russische Wissenschaftler beschäftigen sich intensiv mit der Weiterentwicklung von Technologien auf diesem Gebiet. Ilja Prokopjew ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sobolew-Institut für Geologie und Mineralogie der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN).
Seiner Ansicht nach könnten "die Forschungen an der neuen 'Sibirischen Ring-Photonenquelle' (SKIF) Russland auf dem Bereich der Gewinnung und Verarbeitung von Seltenen Erden wettbewerbsfähig machen und dem Land verhelfen, eine globale Spitzenposition einzunehmen."
Die "SKIF" wurde am 11. August 2026 im Beisein des russischen Präsidenten Wladimir Putin eingeweiht. Der Forschungskomplex ist mit multidisziplinären Experimentierstationen ausgestattet.
Mithilfe der "SKIF" haben Wissenschaftler am Institut für Kernphysik der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften (SO RAN) Erzproben aus der Lagerstätte Tschuktukon in der Region Krasnojarsk untersucht und dabei äußerst wichtige Erkenntnisse gewonnen.
Ilja Prokopjew, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sobolew-Institut für Geologie und Mineralogie, berichtet:
"Wir haben sehr interessante Forschungsergebnisse zur Verteilung der Erzkomponenten erzielen können. Wir sehen, dass sich Zirkonium, Niob und Neodym in verschiedenen Bereichen der untersuchten Proben befinden. Das ist eine wichtige Erkenntnis für die Verfahrenstechniker, da eine solche Information für diese Erze bislang noch nicht vorlag. Diese Erkenntnis kann bei der Suche nach effizienteren Methoden zur Gewinnung der Erzkomponenten genutzt werden.
Die Gewinnung von einzelnen Bestandteilen aus dem geförderten Erz ist einer der wichtigsten Produktionsschritte, ohne den sich kein kommerzielles Endprodukt herstellen lässt. Aber um eine effiziente Technologie zur Gewinnung Seltener Erden entwickeln zu können, müssen hunderte oder sogar tausende Bohrlöcher analysiert werden. Methoden auf Basis von Synchrotronstrahlung in Kombination mit Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) könnten künftig dazu beitragen, die Suche nach Seltenerdmetallen durch das Auswaschen von Sedimenten und die Analyse der dabei gewonnenen Schwermineralkonzentrate um das Hundertfache zu beschleunigen."
Die Forschungsarbeiten sollen an der Station "RFA-Geologie" im Rahmen der zweiten Ausbaustufe des Synchrotrons "SKIF" fortgesetzt werden.
Antonina Lewaschenko, Leiterin des Labors für die Analyse international bewährter Praktiken am Gaidar-Institut, beschreibt Russlands derzeitige Rolle auf dem Markt Seltener Erden folgendermaßen:
"Russland verfügt zwar über einige der weltweit größten Vorkommen an Seltenen Erden, hat jedoch nur einen vergleichsweise geringen Anteil an deren Verarbeitung und Produktion. Dies ist auf spezifische Gegebenheiten innerhalb Russlands zurückzuführen, etwa im Hinblick auf die Erzqualität und die Binnennachfrage."
In Russland benötigen etwa 130 Unternehmen verschiedene Seltenerdmetalle, wobei der jährliche Verbrauch bei einzelnen Produkten mitunter nur wenige Tonnen beträgt, so die Expertin. Dabei handelt es sich in der Regel um die Herstellung von Katalysatoren für die Erdölraffinerie, Fahrzeugkatalysatoren, Keramikprodukte, Laborreagenzien oder Leuchtstoffe.
"Da jedoch unterschiedliche Produkte gefragt sind, können sich Projekte zur Verarbeitung einzelner Metalle letztlich als unrentabel erweisen. Infolgedessen hat sich in Russland bis heute keine ausreichende Produktionskapazität für die Trennung von Seltenerdmetallen entwickelt, weshalb ein Teil des Inlandsbedarfs durch Importe gedeckt wird."
Was bedeutet das konkret? Es bedeutet, dass es nicht rentabel ist, Produktionskapazitäten für nur ein einzelnes Metall oder lediglich eine begrenzte Auswahl an Metallen hochzufahren. Will man Produktionsstätten aufbauen, so müssen diese gleich das gesamte Spektrum an Seltenen Erden abdecken.
Die Expertin verweist darauf, dass die derzeit in Russland geförderten Rohstoffe in der Regel zu 90 Prozent aus Seltenen Erden wie Cer, Lanthan und Neodym bestehen. Auf dem Weltmarkt sind gerade aber andere Elemente besonders gefragt, zum Beispiel Praseodym, Dysprosium und Samarium. Zudem weisen russische Erze einen relativ geringen Gehalt an Seltenen Erden auf und enthalten darüber hinaus Begleitminerale mit unterschiedlichen Eigenschaften. Es wäre unwirtschaftlich, lediglich Seltene Erden zu fördern und die übrigen Metalle wegzuwerfen. Vielmehr müssen für alle Bestandteile Verwendungsmöglichkeiten und Abnehmer gefunden werden.
Die Entwicklung dieses Sektors in Russland setzt voraus, dass man die Erfahrungen Chinas auf diesem Gebiet eingehend studiert.
Diese Meinung vertritt auch Antonina Lewaschenko, Expertin auf dem Gebiet Seltener Erden:
"Erstens unterliegt der ganze Wirtschaftssektor, der sich mit Seltenen Erden befasst, in China einer sehr starken staatlichen Kontrolle, zum Beispiel durch eine kontrollierte Begrenzung der Fördermenge.
Zweitens hat China, anders als andere Länder, bereits seit Beginn des 21. Jahrhunderts eine vollständige Wertschöpfungskette für Seltene Erden aufgebaut – einen geschlossenen Wirtschaftskreislauf, in dem der Staat jedes Unternehmen kontrolliert. Diese werden von staatlichen Banken finanziell unterstützt, angefangen bei der Förderung bis zum fertigen Rohstoffprodukt, also einzelnen Metallen, Legierungen und Verbindungen.
Drittens gibt es in China eine hohe und stabile Nachfrage seitens der verarbeitenden Industrie, etwa von elektrotechnischen Unternehmen. Viertens finanziert China über Geschäftsbanken Projekte in Entwicklungsländern, beispielsweise in Afrika, und erlangt dadurch anschließend die Kontrolle über Unternehmen und Ressourcen."
Alexander Toporkow ist Geschäftsführer des russischen Unternehmens TDM96, das auf den Handel mit Seltenen Erden spezialisiert ist. Über die Unterschiede zwischen russischen und chinesischen Lagerstätten ist er bestens informiert:
"Die Abhängigkeit sowohl der USA als auch Russlands von chinesischen Seltenen Erden ist allein auf den niedrigen Preis dieser Produkte zurückzuführen. Geologisch gesehen befindet sich China in einer günstigeren Lage als wir oder die US-Amerikaner: Dort liegen die Seltenen Erden, vereinfacht gesagt, in Tonerde. Der Abbau unserer Seltenen Erden wird dagegen entweder durch zu hartes Gestein, durch schwierige Bedingungen in Regionen wie Jakutien oder Murmansk oder sogar durch radioaktive Erze behindert. Die Förderbedingungen in China sind also um einiges einfacher. Und darauf aufbauend haben sich dort ganze Prozessketten zur Gewinnung und Trennung der einzelnen Elemente entwickelt."
Damit Russland zu einem bedeutenden Akteur auf dem Markt für Seltene Erden aufsteigen kann, ist ein umfassendes und konsequentes Branchenprogramm erforderlich, das verschiedene Aspekte über alle Produktionsstufen hinweg abdeckt.
Auch Antonina Lewaschenko sieht einen erheblichen Handlungsbedarf:
"Erstens muss die technologische Leistungsfähigkeit bestehender Betriebe gesteigert werden. Dazu gehört unter anderem das Bergbau- und Aufbereitungswerk Lowosero. Zweitens müssen zügig neue Anlagen zur Erzgewinnung und -verarbeitung in Betrieb genommen werden, beispielsweise bei der Lagerstätte Saschichinskoje in der Region Irkutsk oder bei der Lagerstätte Tomtor in der Republik Sacha (Jakutien). Drittens müssen wissenschaftliche Projekte finanziert werden, um die Entwicklung von Technologien für die Aufbereitung und Gewinnung einzelner Seltener Erden aus größeren Erzvorkommen voranzutreiben. Derzeit gibt es nur wenige solcher Projekte. Die wenigen, die es gibt, werden größtenteils von Rosatom durchgeführt."
Darüber hinaus ist es wichtig, dass seitens der russischen Unternehmen eine kontinuierliche Nachfrage nach diesen Metallen entsteht, damit sich die anfänglichen Investitionen amortisieren können. Deshalb sollte die staatliche Unterstützung auch den Unternehmen zugutekommen, die diese Metalle als Endverbraucher nutzen können, so das Fazit der Expertin.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 20. Oktober 2026 auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.
Mehr zum Thema – Drei Milliarden US-Dollar: USA investieren in kritische Mineralien