Staatliche Großprojekte: Russische Wirtschaft wird weiter wachsen

Russlands Wirtschaft wuchs trotz Sanktionen in drei Jahren um mehr als zehn Prozent. Für 2026 erwartet Vizepremier Alexander Nowak jedoch nur noch 0,4 Prozent Wachstum. Dennoch rechnen russische Ökonomen ab 2027 wieder mit einem Aufschwung.

Von Olga Samofalowa

In den letzten drei Jahren ist die russische Wirtschaft um mehr als 10 Prozent gewachsen und hat sich zur viertgrößten der Welt entwickelt. Selbst der Westen musste diese Erfolge anerkennen. Für das Jahr 2026 wird jedoch eine Verlangsamung des Wachstums auf 0,4 Prozent erwartet, sagt Vizepremier Alexander Nowak. Vor welchen Herausforderungen steht Russland und wann wird sich das Wachstum unserer Wirtschaft wieder erholen?

In den Jahren 2023 bis 2024 verzeichnete Russland trotz beispiellosen Sanktionsdrucks sehr hohe Wachstumsraten. Der stellvertretende Ministerpräsident der Russischen Föderation, Alexander Nowak, erklärt in einem Interview mit der Zeitung Wedomosti:

"Insgesamt ist das BIP in den letzten drei Jahren, einschließlich des Jahres 2025, real um mehr als 10 Prozent gestiegen. Das entspricht einem Wachstum von etwa 3,3 Prozent pro Jahr, das über dem weltweiten Durchschnitt liegt. Ich betone: deutlich über dem Durchschnittswert der Jahre 2017 bis 2019, als es gelang, den Zielwert für die Geldpolitik zu erreichen."

Im Jahr 2026 wird jedoch nach einem schwachen ersten Quartal eine Verlangsamung des BIP-Wachstums auf 0,4 Prozent erwartet. Nowak führt dies auf eine Reihe von Faktoren zurück. Erstens auf den Arbeitskräftemangel. Der Beamte betont:

"Wenn das Wachstum der Arbeitsproduktivität hinter den Löhnen zurückbleibt, führt das immer zu solchen Ungleichgewichten. Es ist ein aktiver Umfluss von Arbeitskräften in jene Bereiche erforderlich, die einen größeren Beitrag zum BIP leisten. Dieser Prozess ist im Gange und hat sich in den letzten beiden Quartalen beschleunigt. Aber es gibt immer noch viele Unternehmen, die sagen, dass sie ihren Personalbedarf nicht vollständig decken können."

Eine weitere Herausforderung ist die Veränderung der Struktur der Haushaltsausgaben. Nach Angaben des Vizepremiers wurden die Mittel für Bildung, Sozialschutz und die Stärkung der technologischen Souveränität aufgestockt. Auch die Verteidigungsausgaben sind gestiegen.

Die dritte Herausforderung ist die Unterbrechung der bestehenden globalen Lieferketten für Waren, Dienstleistungen, Kapital und sogar Arbeitskräfte. Nowak sagt:

"Die seit 2022 geltenden Sanktionen, die ausschließlich aus politischen Gründen verhängt wurden, untergraben lediglich das Vertrauen, beeinträchtigen den Handel und schmälern die Vorteile der Produktionsskaleneffekte. Und manchmal führen Sanktionen sogar zum gegenteiligen Ergebnis."

Eine moderat straffe Geldpolitik ist die vierte Herausforderung für die russische Wirtschaft. Russland ist jedoch auf diese Herausforderungen vorbereitet. Bereits im nächsten Jahr erwartet Nowak eine Erholung des BIP-Wachstums von 1,4 Prozent im Jahr 2027 auf 2,4 Prozent im Jahr 2029. Die Inflation werde sich seinen Schätzungen zufolge im Jahr 2026 auf 5,2 Prozent nähern und ab 2027 nahe am Zielwert von 4 Prozent liegen.

Im Jahr 2027 sollen die russischen Produktionskapazitäten mit der Nachfrage gleichziehen, und die niedrige Inflation wird sich positiv auf das Zinsniveau auswirken. Unter diesen Umständen erwartet der Vizepremier eine Wiederbelebung des Investitionswachstums.

Als eines der Probleme nennt er die begrenzten Arbeitskräfteressourcen, weshalb die Steigerung der Arbeitsproduktivität eine vorrangige Aufgabe sei. Die Branchenbehörden hätten gemeinsam mit der Wirtschaft 17 Branchenprogramme zur Steigerung der Arbeitsproduktivität aufgelegt und arbeiteten daran, so Nowak.

Großprojekte würden es Russland bei einer korrekten Vorgehensweise der Regierung und der Zentralbank ermöglichen, bis 2029 nicht nur das geplante BIP-Wachstum von 2,4 Prozent, sondern sogar 3 bis 7 Prozent und sogar zweistellige Wachstumsraten zu erreichen, meint Pawel Selesnjow, Dekan der Fakultät für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation. Seiner Meinung nach schätze der Vizepremier die Lage recht konservativ ein. Selesnjow sagt:

"Die Treiber der Entwicklung unserer Wirtschaft sind historisch gesehen herausfordernde Megaprojekte. Ein solches Herausforderungsprojekt war beispielsweise in der Sowjetzeit die Entsendung eines Menschen ins All. Aus jüngerer Zeit sind dies die Olympischen Spiele in Sotschi 2014 und die Fußball-Weltmeisterschaft 2018, der Bau des Weltraumbahnhofs Wostotschny, von Hochgeschwindigkeitsstrecken, einheimischen Flugzeugen und so weiter. Jedes Megaprojekt ermöglicht es, Ressourcen zu bündeln und zieht alles andere in seinem Gefolge mit."

Seinen Worten zufolge wurden diese Projekte, die mit Importersatz und technologischer Führungsrolle verbunden sind, vom Präsidenten formuliert und in strategischen Dokumenten festgehalten. Der Ökonom erklärt:

"Die Regierung kann moderat-konservative Schätzungen abgeben, da vieles von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängt. Aber alles liegt in unseren Händen.

Die Diskussionen über Ressourcenknappheit sind größtenteils aus der Luft gegriffen: Wir leben im reichsten Land der Welt, und viele reiben sich schon die Hände, um sich unsere von Gott gegebenen natürlichen Reichtümer anzueignen. Außerdem verfügen wir über Menschen mit den scharfsinnigsten Köpfen, echte Genies und Erfinder.

Es ist wichtig, das richtige Umfeld und ein System der Zusammenarbeit zu schaffen, damit diese Talente im Interesse und zum Wohle des Landes arbeiten."

Er erinnert daran, dass die westlichen Gegner Russlands in den Jahren 2022 bis 2023 vorhersagten, dass die russische Wirtschaft "in Stücke gerissen und unter der Last der Sanktionen zusammenbrechen" würde. Dies sei aber nicht geschehen. Selesnjow betont:

"Die Regierung hat unter den historisch beispiellosen Sanktionsbedingungen ein Anti-Krisen-Programm umgesetzt. Und unsere Gegner haben daraufhin ihre Niederlage eingestanden, während Russland in die Riege der vier größten Volkswirtschaften der Welt aufgestiegen ist. Unter den Bedingungen eines Wirtschaftskriegs ist das eine herausragende Leistung."

Seiner Meinung nach könne die derzeitige wirtschaftliche Verlangsamung als zyklisch angesehen werden, als Pause vor einem weiteren Aufschwung. Er meint:

"Das weitere Wachstum wird jedoch sehr stark vom gewählten Wirtschaftsmodell abhängen. Wichtig ist auch, wie gut die Zusammenarbeit zwischen den für das Wirtschaftswachstum verantwortlichen Schlüsselakteuren, also zwischen der Regierung und der Zentralbank, funktioniert."

Selesnjow ist der Ansicht, dass es keine Inflation geben wird, wenn das Geld zunächst in den realen Sektor der Wirtschaft fließt ‒ in die Entwicklung von Bereichen, die für den Importersatz, die technologische Souveränität und Marktführerschaft verantwortlich sind ‒ und erst danach in den Konsumsektor umgeleitet wird.

Dabei räumt er ein, dass es ein Problem mit dem Arbeitskräftemangel gibt. Der Ökonom fasst zusammen:

"Warum wird heute so viel Wert auf Fachschulen und die Ausbildung von Fachkräften in handwerklichen Berufen gelegt? Weil das Land qualifizierte Arbeitskräfte braucht – Schlosser, Schweißer, Dreher, Monteure. Bei uns sind aber entweder alle Kuriere oder im Dienstleistungssektor tätig. Die Regierung ist sich dieser Situation jedoch bewusst und arbeitet bereits an einer Lösung."

Das Wichtigste für das Verständnis der wirtschaftlichen Prozesse in Russland im Jahr 2026 sei, dass trotz einer gewissen Instabilität die Widerstandsfähigkeit des Wirtschaftssystems ausreiche, um alle bestehenden Schwierigkeiten zu lösen und bereits bis Ende 2026 auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zu kommen, sagt Michail Chatschaturjan, Dozent am Lehrstuhl für strategische und innovative Entwicklung der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation. Er argumentiert:

"Bei einer Beibehaltung der aktuellen Lage im Nahen Osten oder einer Verschlechterung der Situation und der damit verbundenen Fortsetzung des Ölpreis-Rallyes könnte die russische Wirtschaft bereits 2026 auf ein Niveau von 1,2 bis 1,4 Prozent wachsen. Schlüsselfaktoren für den Übergang zu einem nachhaltigen Wachstum wird natürlich der Energiesektor sein, da die Nachfrage nach russischem Erdöl und Erdölprodukten auf absehbare Zeit auf einem hohen Niveau bleiben wird. Die Steigerung der wirtschaftlichen Effizienz und der Produktionsaktivität im Energiesektor wird Synergieeffekte in den angrenzenden Branchen erzeugen und es diesen ermöglichen, ebenfalls zu einem erholungsorientierten Wachstum überzugehen."

Seinen Worten zufolge gewinne die Entwicklung von Branchen und Produktionsbereichen an Bedeutung, die Produkte mit hoher Wertschöpfung herstellen, sowohl im Energiesektor als auch in den verarbeitenden Wirtschaftszweigen insgesamt. Vor dem Hintergrund der steigenden Nachfrage nach russischen Exportgütern würden solche Produktionszweige die Exporteinnahmen Russlands stützen. Darauf werde die Arbeit der Regierung ausgerichtet sein. Chatschaturjan schließt:

"Für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum im Jahr 2027 ist nicht nur und nicht so sehr die Erweiterung des Sortiments an heimischen Produkten mit hoher Wertschöpfung und hohem Exportpotenzial wichtig. Viel bedeutender wird die Entwicklung des inländischen Produktionspotenzials und des Binnenkonsums sein. Dies ist die beste Garantie für Widerstandsfähigkeit gegenüber Veränderungen der außenwirtschaftlichen Lage."

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 13. Mai 2026 auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung "Wsgljad".

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