Streisand-Effekt: Der Spiegel sorgt für Gratiswerbung für die AfD

Der Spiegel wollte Ulrich Siegmund mit drastischen Schlagzeilen beschädigen. Das Magazin wollte AfD-Wähler einschüchtern und Siegmund zum Schweigen bringen. Doch im Zeitalter sozialer Medien funktioniert das nicht mehr. Der Versuch löste den Streisand-Effekt aus und machte Siegmund erst recht bekannt – sogar in der Schweiz und Österreich.

Von Hans-Ueli Läppli

Eigentlich interessiert mich der deutsche Wahlkampf in Sachsen-Anhalt in der Schweiz ungefähr so sehr wie Hayden Panettiere – wer war das noch mal? 99 Prozent dürften mit ihrem Namen wenig anfangen können. RTL, der Spiegel und das ZDF arbeiten derweil sportlich daran, aus einer verstorbenen US-Celebrity posthum eine neue Elizabeth Taylor zu machen.

Und dann: Ulrich Siegmund. Bitte, wer? Nie gehört. Bis der Spiegel ihn zum "gefährlichsten Mann der AfD" kürt, gefährlicher sogar als ein CSD-Terrorist?

Und plötzlich kennt man den Namen. Das ist der sogenannte Barbra-Streisand-Effekt. Man versucht, etwas kleiner zu machen, zu beschämen oder aus dem öffentlichen Blickfeld zu drängen, und sorgt damit erst recht dafür, dass alle hinschauen.

Der Spiegel hat unfreiwillig Wahlkampfhelfer gespielt. Die Hamburger Redaktion widmete Siegmund eine gewaltige Portion Aufmerksamkeit und gab ihm damit genau das, was ein Politiker braucht: Reichweite.

Selbst Menschen, die zuvor noch nie von ihm gehört hatten, fragen sich plötzlich: Wer ist dieser Mann eigentlich?

Siegmund wurde 1990 geboren und gehört damit einer Generation an, für die die politischen Reflexe der alten Bundesrepublik zunehmend wie ein Museumsstück wirken. Und genau hier scheint das Problem der alten Medien zu liegen. Sie behandeln soziale Medien noch immer wie einen Störsender, obwohl sie längst das eigentliche Spielfeld sind.

Währenddessen brennt Deutschland

Belgien kämpfte zuletzt gegen einen der größten Waldbrände seiner Geschichte: Rund 3.000 Hektar im Hohen Venn standen in Flammen. Die Feuerfront kam zeitweise bis auf 300 Meter an die deutsche Grenze heran, woraufhin in Monschau vorsorglich Bewohner evakuiert wurden.

Und in Mannheim sah die Lage ebenfalls nicht gerade nach idyllischer Sommerpause aus. Beim DFB-Pokal-Derby zwischen Waldhof Mannheim und Kaiserslautern eskalierte die Situation. Pyrotechnik, Platzsturm, berittene Polizei und 35 verletzte Beamte. Insgesamt mussten 85 Menschen medizinisch behandelt werden.

Und wo ist Friedrich Merz, der "ungefährlichste und unbeliebteste Mann" Deutschlands?

Diese Frage stellten sich viele CDU-Wähler. Seit Ende Juli hatte der Kanzler keine öffentlichen Termine mehr wahrgenommen. Das Kanzleramt bestätigte seine Abwesenheit, wollte sie zunächst allerdings nicht ausdrücklich als "Urlaub" bezeichnen. Vielleicht taucht Merz heute ja doch noch auf – nach meiner Kritik?

Das Kanzleramt hat seinen Aufenthaltsort nicht öffentlich gemacht. Aber genau das ist ja das eigentlich Absurde. Während regierungsnahe Medien über die Abwesenheit ihres Kanzlers schweigen, beschäftigen sich die Propagandamedien lieber damit, einen jungen AfD-Politiker mit maximalen Superlativen zu überziehen. Das ist journalistisch natürlich besonders praktisch. Denn wenn man einen politischen Gegner nicht argumentativ besiegen kann, kann man ihn zumindest zum "gefährlichsten Mann Deutschlands" erklären.

Problem gelöst. Oder auch nicht. Denn die alten regierungsnahen Medien haben noch immer nicht verstanden, was sich im September bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt eindrucksvoll zeigen wird: Die Dämonisierung eines unbeliebten Politikers kann dessen Bekanntheit massiv steigern. Heute funktioniert das noch schneller.

Ein Spiegel-Artikel erscheint – und Sekunden später wird er auf X auseinandergenommen, kommentiert, parodiert und millionenfach weiterverbreitet. Die Überschrift, die jemanden treffen sollte, wird zum Werbeplakat für genau diesen Politiker. Danke für die kostenlose Kampagne!

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem. Die Methoden rund um Jeffrey Epstein und Harvey Weinstein zeigen, wie persönlicher Druck und die Ausnutzung von Macht dazu dienen können, Menschen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Heute funktioniert eine solche Strategie jedoch nicht mehr wie früher. Im Zeitalter sozialer Medien kann ein Angriff auf eine Person schnell das Gegenteil bewirken. Statt zum Schweigen gebracht zu werden, erhält der Betroffene zusätzliche Aufmerksamkeit – der klassische Streisand-Effekt.

Es geht gar nicht darum, ob man Siegmund sympathisch findet. Man kann seine Politik ablehnen. Man kann seine Positionen kritisieren. Man kann ihn politisch bekämpfen.

Aber wenn ein großes Medium ihm einen Titel wie "der gefährlichste Mann Deutschlands" verpasst, muss es sich nicht wundern, wenn die Öffentlichkeit zunächst eine viel banalere Frage stellt: Wer ist dieser Mann überhaupt? Und plötzlich recherchieren die Leute. Sie schauen Interviews, suchen Videos, lesen seine Biografie und sehen sich seine Auftritte an.

Und genau das wollte der Merz-nahe Spiegel eigentlich verhindern. Der Spiegel wollte einen politischen Monsterfilm produzieren und hat stattdessen einen Trailer für die Hauptfigur veröffentlicht.

Und so kommt der Name Ulrich Siegmund nun sogar in der Schweiz an. Von Hamburg bis Basel, von Berlin bis Salzburg wird aus einem Politiker, den viele kaum kannten, eine Oppositionsstimme, die die deutsche Propaganda zum Verstummen zu bringen versucht. Der Spiegel hat sich selbst zum PR-Team der AfD gemacht.

Und während die Redaktion noch überlegt, wie gefährlich Siegmund angeblich ist, dürfte sich die AfD eine andere Frage stellen: Wie viel kostet eigentlich so eine Titelstory beim Spiegel? Denn günstiger bekommt man politische Werbung kaum.

Und irgendwo bei der AfD dürfte jemand sitzen, den Spiegel in der Hand, und sagen: Danke. Barbra Streisand wäre stolz.

Mehr zum Thema – Neuer Rekord: AfD in Umfrage bei 27,5 Prozent – Denkzettel für Union