Von Rainer Rupp
In der September/Oktober-Ausgabe 2026 von Foreign Affairs analysiert Kori Schake, Senior Fellow und Direktorin für Außen- und Verteidigungspolitik am American Enterprise Institute, die amerikanische Entscheidungspraxis für den Kriegseinsatz. Ihr Essay "Why We Should Fight – And Where Trump Went Wrong" zeichnet die Geschichte der sogenannten Powell-Doktrin nach und wendet deren Kriterien auf den von Präsident Donald Trump im Februar 2026 begonnenen Krieg gegen Iran an.
Schake kommt dabei zu einem klaren Urteil: Trump hat nahezu alle Grundsätze missachtet, die Generationen von US-Militärs und Politikern als Mindestanforderungen für den Einsatz amerikanischer Streitkräfte betrachtet hatten, auch wenn sie sich im Anschluss oft nicht an ihre eigenen Maßstäbe gehalten haben. Im Ergebnis hat Trumps Iran-Krieg die Vereinigten Staaten politisch und militärisch in einem Maße geschwächt, wie kein anderer Krieg mit einer fremden Macht zuvor.
Die Ursprünge der Colin-Powell-Doktrin
Die hat ihren Anfang laut Schake im US-Libanon-Debakel von 1982/83. Nach der israelischen Invasion Libanons setzten sich im Reagan-Kabinett die Falken durch und entsandten US-Truppen zur Unterstützung der Zionisten im Rahmen einer positiv geframten, sogenannten "multinationalen Stabilisierungsmission". Der damalige Verteidigungsminister Caspar Weinberger und die Joint Chiefs of Staff waren dagegen und hatten gewarnt: Die Mission sei unklar definiert und drohe, die USA in eine Eskalationsspirale wie in Vietnam zu ziehen. Im Oktober 1983 jagten hisbollahnahe Kämpfer die Unterkünfte der US-Marines in Beirut in die Luft, wobei 241 amerikanische Soldaten starben. Präsident Reagan zog daraufhin alle US-Truppen aus dem Libanon ab.
Verteidigungsminister Weinberger zog daraus Konsequenzen. In einer Rede vom November 1984 formulierte er sechs Bedingungen beziehungsweise Tests, die vor jedem Einsatz von amerikanischen Streitkräften erfüllt sein müssen:
1. Es müssen vitale nationale Interessen auf dem Spiel stehen.
2. Washington muss bereit sein, die notwendigen Ressourcen für einen Sieg bereitzustellen.
3. Politische und militärische Ziele müssen klar definiert sein.
4. Die Einsatzplanung und die Mittel müssen laufend an veränderte Bedingungen angepasst werden.
5. Die Unterstützung des amerikanischen Volkes und des Kongresses muss durch Offenheit und Konsultation gewonnen werden.
6. Der Kampfeinsatz darf nur als letztes Mittel erfolgen, wenn alle diplomatischen, wirtschaftlichen und anderen Bemühungen ohne Erfolg gewesen sind. Präsident Reagan machte diese Grundsätze zu einem Pfeiler seiner Außenpolitik.
Als der Irak im Jahr 1990 Kuwait überfiel, war General Colin Powell bereits Chairman of the Joint Chiefs of Staff. Er ergänzte Weinbergers Liste um zwei weitere zentrale Punkte:
7. Eine klare Exit-Strategie (idealerweise der Sieg, also die Erreichung der politischen Ziele) und
8. internationale Unterstützung.
Außerdem verlangte er "decisive force" – also überwältigende militärische Mittel, die den Erfolg garantieren, selbst wenn man Fehler macht. Die erfolgreiche Durchführung des Golfkriegs 1991 machte die "Weinberger-Doktrin" zur "Powell-Doktrin".
Powell selbst betonte später in einem Foreign-Affairs-Artikel, dass die US-Regierung ihren Soldaten schuldig ist, deren Leben nicht für unklare Zwecke zu riskieren. Damit wollte die Powell-Doktrin verhindern, dass zivile Entscheidungsträger, zum Beispiel Pentagon-Beamte oder kriegsgeile Politiker, US-Truppen lediglich deshalb einsetzen, "um irgendetwas zu tun".
Trumps Iran-Krieg und der Bruch mit der Doktrin
Genau an diesem Maßstab misst Kori Schake in ihrem Aufsatz in Foreign Affairs den unprovozierten Angriffskrieg, den Trump Ende Februar 2026 gegen Iran begonnen hat. Nach dem zwölftägigen Krieg vom Juni 2025, bei dem US-Kräfte bereits zivile iranische Nuklearanlagen bombardiert hatten und der mit einem prekären Waffenstillstand endete, nahm die Trump-Administration die Feindseligkeiten wieder auf – ohne klare Ziele, ohne Mandat des US‑Kongresses, ohne Konsultation mit den regionalen Verbündeten (außer mit Israel) und ohne auch nur einen Bruchteil der möglichen diplomatischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten mit Iran ausgeschöpft zu haben.
Trumps voraufgezeichnete Ansprache vom 28. Februar um drei Uhr morgens listete eine Fülle von Zielen auf: Zerstörung der iranischen Raketenindustrie, Vernichtung der Marine, Ausschaltung der Terror-Verbündeten, Verhinderung einer iranischen Atombombe und – beinahe beiläufig – die Aufforderung an das iranische Volk, die Regierung zu stürzen. Die schiere Menge der Ziele verwischte jede Klarheit. Viele davon waren mit den bereitgestellten Mitteln – ausdrücklich ohne Bodentruppen – ohnehin unerreichbar. Der Vorsitzende der Joint Chiefs, Dan Caine, hatte vor dem Missverhältnis zwischen Ambitionen und Ressourcen gewarnt und lediglich die Verhinderung iranischer Machtprojektion vorgeschlagen. Das war weit entfernt von Trumps irrealen maximalistischen Forderungen.
Die nationalen Interessen waren allenfalls marginal. Die angebliche Verhinderung einer fiktiven iranischen Nuklearwaffe gehörte nicht zu diesen vitalen US-Interessen, sondern Trumps Freund und Verbündeter Netanjahu warnt seit Jahrzehnten immer wieder dringend davor, so auch wieder letztes Jahr, dass Iran nur wenige Monate vor der Vollendung einer eigenen Atombombe stehe. Trump hatte jedoch nach dem Sommer 2025 behauptet, das Programm sei "completely obliterated", vollkommen zerschmettert! Warum also der neue Angriff? Die konventionellen Streitkräfte Irans und die bereits dezimierten Verbündeten Irans (Hamas in Gaza und Hisbollah im Libanon) stellten keine ernste Bedrohung dar. Und ein Deal mit den Huthi hatte die Angriffe auf Schiffe im Roten Meer beendet. Und ein Regimewechsel in Iran mag im Interesse der USA liegen, aber Trump hat diesen nie schlüssig begründet.
Der militärische Einsatz war auch "kein letztes Mittel". Denn die Verhandlungen liefen noch, und US-Schatzminister Scott Bessent drohte erst Wochen nach Kriegsbeginn Iran mit dem Einsatz von "Finanz-Maßnahmen" mit der Konsequenz einer realen Bombardierungsoffensive. Auch dieses nichtmilitärische Instrument hätte vorher eingesetzt werden können.
Fehlende Exit-Strategie und strategisches Chaos
Die Powell-Doktrin verlangte eine klare Exit-Strategie und die Bereitschaft zum Sieg. Im Jahr 2025 hatte die Administration die vollständige Zerstörung des iranischen Nuklearprogramms als Ziel ausgegeben, die Angriffe jedoch vor einer befriedigenden Schadensanalyse beendet und nicht wieder aufgenommen. Anschließend hieß es, dass Teheran nur um ein bis zwei Jahre in der Entwicklung zurückgeworfen worden sei. 2026 ruderte Trump noch schneller zurück: Statt Regimewechsel lobte er iranische Führer als "sehr kluge Leute", um sie dann wieder mit allen möglichen Unflätigkeiten zu beschimpfen. An anderer Stelle verteidigte Trump das Recht Irans, ballistische Raketen zu besitzen, um anschließend wieder ihre Zerstörung zu fordern. Im Juni dieses Jahres unterzeichnete er ein Memorandum of Understanding, und akzeptierte praktisch alle iranischen Forderungen. Nur um einen Tag später wieder alles in Frage zu stellen. Der 60-tägige Waffenstillstand brach nach wenigen Wochen zusammen, weil sich die Trump-Administration nicht daran hielt.
Trumps Leute in der Administration wechselten fast täglich die Rhetorik und die Maßnahmen. Ein 20-Prozent-Zuschlag auf Schiffe durch die Straße von Hormus wurde am selben Tag wieder aufgehoben – ein Affront gegen 250 Jahre amerikanischen Einsatzes für die Freiheit der Meere. Die Schließung der Straße durch Iran hatte Washington nicht eingeplant; Treibstoffvorräte wurden nicht angelegt. Iranische Vergeltungsangriffe auf Israel und auf US-Basen in den Golfstaaten und im Irak waren nicht eingeplant und konnten entsprechend schlecht abgewehrt werden. Unzureichende Vorräte an Munition und Raketen waren schnell aufgebracht und es wird Jahre brauchen, bevor die Einsatzbereitschaft wieder voll hergestellt ist, so die Autorin Kori Schake.
Öffentliche und parlamentarische Unterstützung fehlten von Anfang an. Nate Silvers Poll-Tracker zeigte bei Kriegsbeginn 35 Prozent Zustimmung und 47 Prozent Ablehnung; bis Mitte Juli stieg die Ablehnung auf 58 Prozent. Der republikanisch dominierte Kongress hielt zwar keine Anhörungen ab, die die Administration hätte stützen können, stattdessen verabschiedeten aber beide Kammern des Kongresses im Juni Resolutionen, die ein Ende des Krieges gegen Iran forderten – das erste Mal seit Inkrafttreten des War Powers Act 1973. Erst nach Trumps Wutausbruch blockierte der republikanisch dominierte Senat eine nahezu identische Vorlage.
Internationale Unterstützung suchte Trump erst gar nicht. Verbündete, die den Hauptteil iranischer Vergeltungsschläge zu tragen hatten, wurden nicht konsultiert. Als einige Basen sich weigerten, bei der Wiedereröffnung der Straße von Hormus zu helfen, drohte Trump mit Handelsstrafen und dem Abzug amerikanischer Truppen. Die Golfstaaten, deren Territorien angegriffen wurden, ohne dass Washington dies verhindern konnte, haben zu Recht das Vertrauen in den Sicherheitsgaranten USA verloren.
Die strategischen Folgen
Autorin Schake betont, dass Iran selbst die schwersten amerikanisch-israelischen Schläge überstanden hat. Die Nachfolge des getöteten Ajatollah Ali Chamenei hat die Hardliner in den Revolutionsgarden gestärkt. Teheran hat bewiesen, dass es die Straße von Hormus kontrollieren kann. Für Rivalen der USA lautet die Lektion: Die technische Überlegenheit der amerikanischen Streitkräfte ist weitgehend irrelevant, wenn die politische Führung keinen kohärenten Plan verfolgt.
Die Administration zeigt keine Anzeichen von Lernfähigkeit, so Schake. Trump leugnet objektive Fakten und konstruiert Erfolgsfantasien. CIA und Militär können als beratende Institutionen den Prozess nicht retten, wenn der Präsident ihren Rat ignoriert. Für die absehbare Zukunft drohen sporadische Schläge gegen Iran aus der Distanz, ohne strategischen Effekt und ohne Verhandlungen, während Washington weiter auf den unwahrscheinlichen Zusammenbruch des Regimes hofft.
Ein Ausweg nach Powell
Schake sieht in der Powell-Doktrin nicht nur die Diagnose, sondern auch eine mögliche Therapie. Trump könnte die Niederlage kaschieren, indem er die praktische Zerstörung des Nuklearprogramms und die Schwächung der konventionellen Kräfte als erreichte Kernziele darstellt.
Besser wäre ein Neustart: Kongressmandat zur Wiederherstellung der Navigationsfreiheit in der Straße von Hormus, klare Priorisierung dieses Ziels, Angebot der Sanktionserleichterung und Verzicht auf weitere Angriffe außer im Nuklearbereich, Aufbau einer internationalen Flottille und parallele, aber getrennte Nuklearverhandlungen.
Da die Administration dazu kaum bereit ist, bleibt der Kongress der letzte Hebel. Er könnte alternative Strategien beschließen, Kabinettsmitglieder regelmäßig vorladen, Truppenverlegungen nach Asien oder Europa blockieren und vor allem den Geldhahn zudrehen. Verteidigungsminister Pete Hegseth bezifferte die bisherigen Kosten auf 37,5 Milliarden Dollar; Experten schätzen über 50 Milliarden. Ein Nachtragshaushalt von 88 Milliarden steht an. Der Kongress sollte jede weitere Finanzierung an einen Plan knüpfen, der die Powell-Kriterien erfüllt.
Powell schrieb 1995 in seinen Memoiren, seine Generation habe geschworen, nie wieder halbherzige Kriege für halbgare Gründe zu führen, die das amerikanische Volk nicht verstehe. Genau einen solchen Krieg führt Trump, so Schake. Der Kongress könnte den Kurs noch ändern. Ein wahrer Sieg in Iran ist unwahrscheinlich. Eine katastrophale Niederlage für die USA ist es auch noch (!) nicht. Aber dazu kann es mit ziemlicher Sicherheit kommen, wenn Trump und sein Kabinett weiterhin die Realität ignorieren und Zuflucht in ihren Wunschträumen suchen.
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