Sturm im Wasserglas? – Chrupalla und Siegmund "versündigen sich" mit DDR-Hymne

Bei einer AfD-Podiumsdiskussion am vergangenen Dienstag erklangen gleich zwei deutsche Nationalhymnen. Vor "Einigkeit und Recht und Freiheit" intonierte Podiumsgast Uwe Steimle "Auferstanden aus Ruinen". Das sorgt jetzt für Aufruhr in Politik und Medien.

Ob AfD-Chef Tino Chrupalla wusste, was er tat, als er den sächsischen Kabarettisten Uwe Steimle aufforderte, am Schluss der Veranstaltung die deutsche Nationalhymne anzustimmen? Wer "Einigkeit und Recht und Freiheit" erwartet hatte, sah sich getäuscht. Stattdessen erklangen Text und Melodie der einstigen DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen".

Chrupalla und der sachsen-anhaltische Spitzenkandidat Ulrich Siegmund lachten etwas ratlos, als sie Steimle die erste Strophe der DDR-Hymne singen hörten. Auch die Mehrzahl der Zuhörer wirkte unsicher. Die beiden AfD-Spitzenpolitiker entschlossen sich letztlich doch fürs Mitsingen. Im Anschluss erklang auf Anraten der früheren Grünen-Politikerin Antje Hermenau auch die "westdeutsche Hymne".

Als Erklärung für das Singen der DDR-Hymne brachte Steimle vor:

"Der Text ist so großartig. Und jedes Wort stimmt, als wäre es heute. Und das ist bei großen Sachen eben immer so. Die sind allgemeingültig. Wir gehören zusammen. Wir sind Deutsche. Ende der Debatte!"

Der Applaus war ihm sicher.

Tatsächlich hätte gerade die zweite Strophe der von Johannes R. Becher verfassten Hymne: "Glück und Friede sei beschieden / Deutschland, unserm Vaterland. / Alle Welt sehnt sich nach Frieden, / reicht den Völkern eure Hand. / Wenn wir brüderlich uns einen, / schlagen wir des Volkes Feind. / Lasst das Licht des Friedens scheinen, / dass nie eine Mutter mehr / ihren Sohn beweint.", die in Dessau nicht intoniert wurde, ausgezeichnet zum Motto der Veranstaltung "Keen Getue, keen Gemache, für den Frieden!" gepasst.

Chrupalla und Siegmund dürfte bereits auf der Bühne bewusst gewesen sein, dass die ihnen und ihrer Partei nicht eben freundlich gesinnte BRD-Mainstream-Presse diesen Vorfall zum Hymnen-Skandal hochstilisieren würde. Die AfD behauptete auf der Plattform X sogar zunächst, Chrupalla habe "Auferstanden aus Ruinen" gar nicht mitgesungen, löschte diesen Post aber kurze Zeit später wieder. Da war die Dessauer Doppel-Hymne schon zum Thema in nahezu allen großen BRD-Medien geworden.

Für den politischen Gegner, vor allem im Westen des Landes, ein gefundenes Fressen in Wahlkampfzeiten. Martin Huber, Generalsekretär der bayerischen CSU, erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur:

"Mit dem Absingen der DDR-Hymne zelebriert die AfD hier ein brutales Unrechtsregime und entlarvt sich einmal mehr als extremistisch und geschichtsvergessen. Die AfD spaltet Deutschland und unsere Gesellschaft."

Und Alexander Heppe vom hessischen CDU-Landesverband erinnerte auf X an die Toten der Mauer und sprach von einer Verhöhnung der Opfer der Diktatur durch das Mitsingen der "DDR-Hymne der Mörder". CDU-Mann Manuel Schwalm kreierte gar ein Bild mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im FDJ-Hemd.

Auch aus anderen Parteien kam Kritik: Der der SPD angehörige Historiker Jan Claas Behrends erkannte "die Lust der AfD an der Selbstunterwerfung gegenüber Russland" am "Absingen von Johannes R. Bechers Hymne eines Vasallenstaates". Und Ralf Fücks von den Grünen twitterte:

"Interessant, wie stramm rechts und DDR-Nostalgie zusammengehen."

Ebenfalls ablehnend äußerte sich Evelyn Zupke, die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur, bei der Rheinischen Post: Sie habe sich stets gegen eine Verharmlosung der DDR ausgesprochen. Dazu gehöre auch das Singen der DDR-Nationalhymne, da diese eine hohe Symbolkraft aufweise "für einen Staat, der eine Diktatur war, ein Unrechtsstaat, der seine Bürger überwachte, der sie schikanierte, der sie einsperrte. Ein Staat, in dem fundamentale Menschenrechte tagtäglich verletzt wurden".

Die Hauptakteure des Hymnen-Vorfalls indes, AfD-Politiker Tino Chrupalla und der Satiriker Uwe Steimle, verweigern jede Form der Distanzierung. Chrupalla erklärte gegenüber RTL/N-TV, die Liedzeile "Auferstanden aus Ruinen" drücke die Hoffnung der Bürger auch heutzutage aus. Chrupalla sprach von einer unnötigen nachträglichen und künstlichen Skandalisierung.

Ulrich Siegmund sprach ebenfalls von einer unverhältnismäßigen Medienkampagne, die zeige, dass der politische Gegner nach jedem Strohhalm greife, um von den Argumenten der AfD abzulenken. Es werde den betreffenden Pressevertretern jedoch nicht gelingen, damit interne Parteistreitigkeiten auszulösen.

In einem Interview verteidigte Steimle das Singen der ersten Strophe der DDR-Hymne. Gegenüber Kontrafunk meinte er, er habe sich nichts vorzuwerfen. Er sei mit der DDR-Hymne groß geworden. Er singe auch "die andere Hymne" mit, aber:

"Ich bin nicht angekommen in der BRD."

Als Satiriker wolle er aufrütteln, und aus einem "alten Linken" könne man ihn nicht zu einem "neuen Rechten" machen. Er fügte hinzu, er sei überrascht, wie textsicher die Menschen gewesen seien.

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