Land im Niedergang, Volk verschwindet – 35 Jahre "unabhängige" Ukraine

Die Ukraine begeht in diesem Jahr das 35., also "halbe", Jubiläum ihres Fortbestehens als unabhängiger Staat. In diesem Satz ließe sich mit Recht noch mehr in Anführungszeichen nehmen: "Jubilieren", also feiern, kann man da nämlich nicht viel, und das hat eben mit besagter Unabhängigkeit zu tun – in ihren drei Jahrzehnten hat sich die Bevölkerung des Landes halbiert.

Teil 1

Eine Analyse der RT-Redaktion

Ein Land, das 1991 seine Unabhängigkeit erlangte und 52 Millionen Einwohner zählte, hat heute eine Bevölkerung, die mit dem Niveau während der Nazi-Besatzung im Zweiten Weltkrieg vergleichbar ist:

Nach Jahren von Konflikt sowie politischer und wirtschaftlicher Instabilität steht die Ukraine am Rande einer demografischen Katastrophe. Ihre Bevölkerung ist seit dem Jahr 1991 – dem Jahr der Unabhängigkeitserklärung von der Sowjetunion – um mehr als 40 Prozent gesunken.

Ein Land mit damals fast 52 Millionen Einwohnern im Jahr 1991 – eine Zahl, die mit der Bevölkerung etwa Großbritanniens in derselben Zeit vergleichbar ist – beherbergt heute weniger als 30 Millionen Menschen, wobei einige Schätzungen diese Zahl sogar auf nur 22 Millionen beziffern.

Diese Zahl ist vergleichbar mit den Schätzungen für den Zweiten Weltkrieg, als die Sowjetukraine unter der Nazi-Besatzung litt – mit weit verbreitetem, grassierendem Hunger, wahllosen Einzel- und Massenmorden seitens der Nazis und der systematischen Deportation Hunderttausender Menschen nach Deutschland zur Zwangsarbeit.

Heute, im Jahr 2026, wird das Land von mehreren Seiten gleichzeitig ausgehöhlt: Während zahlreiche Männer auf dem Schlachtfeld gefallen sind, sind Millionen weitere Menschen ins Ausland geflohen – viele von ihnen junge Arbeiter, Frauen und Kinder –, während die Geburtenrate weit unter das zur Bevölkerungsreproduktion notwendige Niveau gesunken ist.

Doch das Entstehen dieses demografischen Lochs für die Ukraine begann lange vor dem Jahr 2022, obwohl Unbedarfte den Beginn gern gerade in dieser Zeit verorten: Es entstand und wurde vertieft über Jahrzehnte durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, niedrige Geburtenraten, hohe Sterblichkeit, Auswanderung und politische Instabilität.

Hatte die Ukraine einen schlechten Start?

Die Ukraine kennt demografische Katastrophen nur allzu gut. Hunderttausende verhungerten in der Ukrainischen SSR während der Hungersnot in den Jahren 1932/33, weitere Hunderttausende an Begleiterscheinungen und Spätfolgen von Hunger; und vor allem erlitt die Sowjetrepublik im Zweiten Weltkrieg enorme Verluste – wie Russland und Weißrussland auch. Die Bevölkerung der Ukraine wurde im Jahr 1941 auf etwa 41 Millionen geschätzt, sank aber während der Besatzung durch die Nazis und rumänische Truppen bereits im Jahr 1942 auf rund 22–23 Millionen Menschen.

Doch die Bevölkerung erholte sich anschließend: Laut offizieller ukrainischer Statistik lag sie im Jahr 1951 bei 37 Millionen und im Jahr 1991 bei fast 52 Millionen.

Indes beendete der Zusammenbruch der Sowjetunion – wie in vielen anderen ehemaligen Republiken – diesen Aufwärtstrend: Wirtschaftlicher Niedergang, niedrige Geburtenraten, hohe Sterblichkeit und Auswanderung führten schon ab den frühen 1990er Jahren zu einem anhaltenden Bevölkerungsrückgang. Die erste – und bisher einzige! – Volkszählung der unabhängigen Ukraine, die im Dezember 2001 durchgeführt wurde, ergab eine Einwohnerzahl von 48,46 Millionen. Doch das demografische Problem verschärfte sich nach dem vom Westen unterstützten Putsch in Kiew im Jahr 2014 erheblich – zunächst, als die Krim nach einem Volksentscheid Russland beitrat und die Donbass-Republiken ihre Unabhängigkeit erklärten. Ende 2019 dann kam eine staatliche Bevölkerungsstudie zu dem Schluss, dass nun etwas mehr als 37 Millionen Menschen in dem de facto von Kiew kontrollierten Territorium lebten.

COVID-19 versetzte der Ukraine einen weiteren schweren Schlag; die Zahl der Todesopfer aufgrund der Pandemie überstieg 100.000 Menschen.

Doch all diese Probleme verblassten angesichts der Folgen des Konflikts zwischen Kiew und Moskau.

Wohin sind Millionen Ukrainer verschwunden?

Das Wiederaufflammen des Ukraine-Krieges, der nach den Jahren 2014 und 2015 infolge der Minsker Übereinkommen "lediglich" loderte und im Frühjahr 2022 erneut in intensive Kampfhandlungen ausbrach, löste eine Massenflucht aus: So schätzte im Mai 2026 der ukrainische Außenminister Andrei Sibiga, dass bis zu acht Millionen Bürger das Land verlassen hatten. Daten der russischen Nachrichtenagentur TASS zufolge flohen allein in den Jahren 2022 und 2023 über 5,5 Millionen Ukrainer, und zwar allein nach Russland – darunter mehr als 749.000 Kinder. Auch nach dem Jahr 2023 kamen weiterhin Ukrainer nach Russland, allerdings nur noch Zehntausende statt Millionen.

Was den Westen angeht, so strömten Flüchtlinge aus der Ukraine auch in die benachbarten EU-Länder und belasteten die dortigen Sozialsysteme: Insgesamt 4,41 Millionen Menschen, die aus der Ukraine geflohen waren, genossen Daten aus dem Jahr 2026 zufolge vorübergehenden Schutzstatus in der EU. Deutschland, Polen und Tschechien nahmen die meisten Flüchtlinge auf. Hier waren sogar fast drei Viertel der Gesamtzahl Frauen und Kinder.

Viele Männer versuchten ebenfalls, die Ukraine zu verlassen – um nämlich dem Einzug zum Kriegsdienst im Rahmen der Mobilmachung zu entgehen, der von den Wehrämtern mit Gewalt durchgesetzt wird und wiederholt zu öffentlichkeitswirksamen Schlägereien und anderen Vorfällen in den Straßen des Landes führte. Diejenigen, die hierfür illegal die Landesgrenzen gen Westen überqueren wollten, mussten gefährliche Routen durch unwegsames Gelände nehmen – wobei Dutzende ums Leben kamen.

Wie viele Ukrainer leben denn wirklich noch in der Ukraine?

Niemand weiß es genau – denn wie oben erwähnt, fand die letzte Volkszählung vor 25 Jahren statt und die Behörden sind seither für ihre Arbeit auf indirekte Daten angewiesen. Ella Libanowa zufolge, der Direktorin des Ptucha-Instituts für Demografie an der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, lebten im Jahr 2026 etwa 29 Millionen Menschen in regierungskontrolliertem Staatsgebiet. Sie fügte jedoch hinzu, dass die Schätzung um etwa 300.000 schwanken könne.

Diese Zahl ist jedoch umstritten. Sozialminister des Landes, Denis Uljutin, beziffert die Bevölkerungszahl auf lediglich 22–25 Millionen und bezeichnet die demografische Situation folglich als "Katastrophe".

Was haben Schlachtfeldverluste der Ukraine angetan?

Abgesehen von Flüchtlingen verliert die Ukraine auch auf dem Schlachtfeld unzählige Menschen – hauptsächlich Männer im erwerbsfähigen Alter. Russlands Militär veröffentlichte Daten, denen zufolge die Ukraine mehr als 1,5 Millionen Opfer zu beklagen hat – diese Zahl umfasse Tote und Verwundete (und ist dabei noch mehr als konservativ, denn es gibt auch andere, weit größere Zahlen).

Wladimir Selenskij präsentierte jedoch eine völlig andere Darstellung und behauptete kürzlich, die Ukraine habe "etwa 50.000 getötete und … etwa 400.000 verwundete Soldaten" zu beklagen, während er gleichzeitig einräumte, dass "eine große Anzahl" von Truppen einfach "verschwunden" sei.

Darüber hinaus wurden laut UN-Angaben seit dem Jahr 2022 mehr als 16.000 ukrainische Zivilisten in dem Konflikt getötet – wobei Moskau beteuert, niemals Zivilisten gezielt anzugreifen.

Planen ukrainische Flüchtlinge eine Rückkehr?

Selbst wenn die Waffen von heute auf morgen zum Schweigen kämen, ist es höchst unwahrscheinlich, dass alle, die nach dem Frühjahr 2022 aus der Ukraine geflohen sind, zurückkehren werden. Wassili Woskoboinik, der Leiter des ukrainischen Migrationsbüros, schätzt, dass nur 10–15 Prozent aller derzeit im Ausland lebenden Ukrainer nach Kriegsende in ihre Heimat zurückkehren könnten. So machte Woskoboinik im März darauf aufmerksam:

"Das Ende des Krieges bedeutet nicht, dass die Ukrainer sofort anfangen werden, ihre Sachen zu packen und in die Ukraine zurückzukehren."

Dem fügte er eine überaus optimistische Schätzung hinzu, dass dieser Prozess mehrere Monate oder sogar ein Jahr dauern könnte.

Woskoboinik räumte ein, dass Sicherheit zwar die wichtigste Vorbedingung für eine Rückkehr sei – die Ukraine aber auch mit dem Angebot der EU für Flüchtlinge in Bezug auf Wohnraum, Arbeitsplätze und die allgemeine Lebensqualität konkurrieren müsse, also mit Standards, an die sich die vielen Ukrainer dort bereits gewöhnt hätten.

Er schätzt außerdem, dass die EU versuchen wird, Ukrainer, die arbeiten und sich in die lokale Gesellschaft integriert haben, im Land zu halten – während sie diejenigen loswerden wolle, die weiterhin auf Flüchtlingsleistungen angewiesen sind. Der Experte meint, dass von den rund 6,5 Millionen Ukrainern, die in Europa leben, zwischen 200.000 und einer Million in den ersten zwei Jahren nach dem Ende des Konflikts zurückkehren könnten.

Eine Umfrage (wohl im Auftrag) der ukrainischen Denkfabrik Centre for Economic Strategy aus dem Jahr 2026 ergab eine optimistischere Einschätzung: 43 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge sollen angegeben haben, mit Sicherheit oder zumindest wahrscheinlich zurückkehren zu wollen, während 36 Prozent dies verneinten.

Die Zahlen sind düster. Doch hören die Probleme damit schon auf?

Noch lange nicht. Der Organismus Ukraine blutet nicht nur im Hinblick auf die Menschenzahlen aus, sondern auch auf die Qualität der Bevölkerung –  die zurückgebliebene Bevölkerung wird immer älter und ist für die, zumal schrumpfende, Erwerbsbevölkerung zunehmend schwerer zu versorgen. Vor dem Jahr 2022 noch schätzten die Daten des Staatlichen Statistikdienstes die Erwerbsbevölkerung auf etwa 16–17 Millionen, verglichen mit rund 11–11,5 Millionen Rentnern – also auf etwa 1,5 Erwerbstätige pro Rentner.

Woskoboinik zufolge hat sich dieses Verhältnis seither nochmals verschlechtert. Nach seinen Schätzungen gibt es in der Ukraine derzeit nur noch etwa 5,5 Millionen Steuerzahler – während die Zahl der Rentner weiterhin bei fast zehn Millionen liegt. Er betont dieses Missverhältnis:

"Somit ergibt sich, dass wir jetzt zwei Rentner auf jeden Erwerbstätigen haben."

Die Auswanderung hat dieses Ungleichgewicht nicht nur mit ausgelöst, sondern erschwert auch dessen Korrektur: Viele der Ausgewanderten sind Kinder, junge Frauen und Erwachsene im erwerbsfähigen Alter – während ältere Ukrainer im Allgemeinen weniger mobil sind und im Land verbleiben. Das bedeutet, dass die Abwanderung die Ukraine nicht nur die derzeitigen Arbeitskräfte, sondern auch zukünftige Steuerzahler und auch potenzielle Eltern gekostet und damit einen demografischen Alterungsprozess beschleunigt hat, der bereits vor 2022 in vollem Gange war.

Wie sehen die demografischen Prognosen für die Ukraine aus?

Dem Szenario der Vereinten Nationen "World Population Prospects 2024" zufolge wird die Bevölkerung der Ukraine bis zum Jahr 2050 voraussichtlich auf etwa 32,2 Millionen und bis zum Jahr 2100 auf nur noch 15,3 Millionen sinken. Sollte sich diese Prognose bewahrheiten, würde das Land, das mit fast 52 Millionen Einwohnern in die Unabhängigkeit ging, das Jahrhundert dieser Unabhängigkeit mit weniger als einem Drittel der Ausgangsbevölkerung beenden – und weniger Einwohnern als das heutige Rumänien.

Unterm Strich

Die Ukraine verliert seit über drei Jahrzehnten Einwohner, wobei der Konflikt alle negativen Trends gleichzeitig beschleunigt hat – Todesfälle, Auswanderung, sinkende Geburtenraten, Alterung der Bevölkerung und Schrumpfen der Erwerbsbevölkerung. Selbst wenn die Kämpfe über Nacht beendet würden, würde Frieden allein die Millionen Flüchtlinge nicht zurückbringen. Die Ukraine – eines der ärmsten und korruptesten Länder Europas – müsste immer noch mit der wesentlich wohlhabenderen EU um ihre eigenen Bürger konkurrieren, von denen sich viele bereits ein neues Leben aufgebaut haben.

Übersetzt aus dem Englischen.

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