Armenien hofft, seine Probleme mithilfe Aserbaidschans zu lösen

Armenien strebt in die EU, doch die Umorientierung könnte teuer werden: Moskau droht mit dem Ende billiger Gaslieferungen. Weder die EU noch Nachbarstaaten wie Aserbaidschan werden die Lücke zu Schleuderpreisen füllen. Steht das Land vor dem energetischen und finanziellen Kollaps?

Von Olga Samofalowa

Armenien will unbedingt der EU beitreten und reich werden. Dieser Reichtum wird tatsächlich nötig sein, denn auch seinen Gasbedarf wird das Land dann zu europäischen Preisen decken müssen.

Russland wies darauf hin, dass der 2013 unterzeichnete Vertrag über vergünstigte Lieferungen von Gas sowie von Erdölprodukten und Diamanten gekündigt werden müsse, sollte Armenien seinen Kurs weg von der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) hin zur EU fortsetzen. Man kann nicht auf zwei Stühlen gleichzeitig sitzen – früher oder später muss eine Entscheidung getroffen werden. Es ist unmöglich, dass Armenien als EU-Mitglied europäische Waren zollfrei erhält und diese dann frei in die EAWU-Länder, darunter auch in unser Land, ohne jegliche Zölle weiterverkauft. Erstens ist das aus geopolitischer Sicht Unsinn. Zweitens: Warum sollten Russland und die anderen EAWU-Staaten die Lage ihrer eigenen Produzenten verschlechtern, mit denen europäische Waren dank fehlender Zölle zu niedrigeren Preisen gerne in Konkurrenz treten würden? Die USA führen wegen solcher Zölle regelrechte Kriege, um ihre Hersteller zu schützen. Warum sollen wir nun Armenien zuliebe die Interessen unserer eigenen Industrie und Landwirtschaft außer Acht lassen?

Und schließlich: Welchen Sinn hat es für Russland, Armenien weiterhin Gas und Erdölprodukte zu nicht marktüblichen, extrem niedrigen Preisen zu verkaufen, wenn das Land gegen die im Rahmen der EAWU eingegangenen Verpflichtungen verstößt? Die Entscheidung von Gazprom, Armenien damals so großzügige Konditionen einzuräumen, erfolgte ebenfalls nicht ohne Grund: Im Gegenzug unterstützen die armenischen Behörden die wirtschaftliche Integration und den freien Handel zwischen den Ländern. Mit anderen Worten: Wer nicht Mitglied der EAWU ist, erhält auch keine Vergünstigungen.

Armenien erhält Gas zu einem Preis von 177 US-Dollar pro tausend Kubikmeter. Solche Preise gibt es weltweit praktisch nirgendwo außer in Russland und Weißrussland. Für derart niedrige Preise hätte beispielsweise China langwierige Verhandlungen führen müssen. Doch diesen Preis hatte sich Armenien längst gesichert – und scheint ihn aus irgendeinem Grund nicht mehr zu schätzen. In der Europäischen Union kosten tausend Kubikmeter Gas derzeit mehr als dreimal so viel – 560 US-Dollar. Vor einem Monat war der Preis sogar noch höher. Es gab auch Zeiten, in denen der Preis auf mehrere tausend US-Dollar stieg, und es gibt keinerlei Garantie, dass sich so etwas nie wiederholt.

Es wird auch Unzufriedenheit darüber geäußert, dass Gas in Russland und Weißrussland angeblich billiger sei, während die Armenier benachteiligt würden. Doch das sind reine Manipulationen. Im Gaspreis für Armenien sind ein längerer und kostspieligerer Transportweg sowie die Kosten für den Gastransit durch Georgien enthalten, die übrigens ebenfalls von Russland übernommen wurden.

Die Auflösung des Vertrags würde nicht nur dazu führen, dass Armenien Gas zu Marktpreisen beziehen muss. Dies könnte sogar zu einer vollständigen Einstellung der Gaslieferungen aus Russland führen. Warum? Der Kauf von Importgas und dessen Lieferung an die Verbraucher in Armenien wird von der Tochtergesellschaft von Gazprom – Gazprom Armenia – abgewickelt. Sollte sie Gas aus Russland zu einem höheren Preis kaufen müssen als bisher, müssten für einen wirtschaftlich tragfähigen Betrieb die Tarife für Industrie und Bevölkerung der Republik steigen. Offensichtlich wäre dies für die armenischen Behörden eine schwierige Entscheidung, die soziale Proteste auslösen könnte.

Ein anderer Ausweg wäre, dass Armenien staatliche Subventionen für das Unternehmen einführt und die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis des blauen Brennstoffs aus dem Haushalt deckt. Nach lokalen Schätzungen wären dafür jedoch 400 Millionen US-Dollar erforderlich. Doch aus welchen Quellen soll das nicht besonders wohlhabende Armenien diese Mittel aufbringen? Die Europäische Union wäre wohl kaum bereit, diese Mehrkosten für Armenien zu übernehmen.

Das bedeutet, dass Gazprom die Gaslieferungen an Gazprom Armenia einstellen müsste, um das Unternehmen vor Verlusten und einer Insolvenz zu bewahren. Als Reaktion darauf könnte Jerewan das Unternehmen verstaatlichen – und dies würde den Gaslieferungen aus Russland in das Land endgültig ein Ende setzen.

Doch worauf setzt Armenien seine Hoffnungen? Es hofft auf Gaslieferungen aus Aserbaidschan – und zwar zu einem vergünstigten, nicht marktüblichen Preis. Die Logik ist einfach: Georgien erhält dieses Gas zu niedrigen Preisen – warum sollte es für Armenien anders sein? Sind die Armenier etwa schlechter als die Georgier? Natürlich nicht. Doch dies ist ein völlig unrealistisches Szenario. Erstens verfügt Aserbaidschan über kein überschüssiges Gas für Armenien. Zweitens verkauft Baku sein Gas sehr erfolgreich in die Türkei und nach Europa zu absolut marktgerechten Preisen, die derzeit dreimal so hoch sind wie der Preis, den die Armenier an Moskau zahlen. Hinzu kommt, dass die Europäer noch mehr Lieferungen aus Aserbaidschan wollen, dessen Fördermengen begrenzt sind. Wohin also wäre es für Baku profitabler, neue Gasmengen zu liefern: zu Marktpreisen nach Europa oder zu Schleuderpreisen nach Armenien? Die Antwort liegt auf der Hand.

Was Georgien betrifft, das tatsächlich aserbaidschanisches Gas zu Vorzugspreisen bezieht, so muss hier ein entscheidendes "Aber" angebracht werden. Georgien ist der größte Transitstaat für aserbaidschanisches Gas; ohne Georgien gäbe es grundsätzlich keine Lieferungen in die Türkei und nach Europa. Daher ist Baku auf die Loyalität von Tiflis angewiesen, um weiterhin an den Exporten in die reichen europäischen Länder zu verdienen. Und was kann Armenien Baku im Gegenzug für die Vorzugspreise bieten? Das ist eine große Frage. Hinzu kommt, dass Aserbaidschan nicht das gesamte Gas zu Vorzugspreisen an Georgien verkauft, sondern nur eine geringe Menge; den Rest kaufen die Georgier zu ganz normalen Marktpreisen.

Auch die Hoffnungen Jerewans auf iranisches Gas werden sich wohl nicht erfüllen. Armenien kauft bereits Gas aus der Islamischen Republik, aber erstens in geringen Mengen und zweitens handelt es sich dabei nicht um ein marktübliches Geschäft, sondern eher um einen Austausch von Energieressourcen: Iran liefert Gas an ein armenisches Kraftwerk, das im Gegenzug Strom in die Islamische Republik exportiert.

Dabei fehlt Iran selbst im Norden während der Heizperiode Gas, und er führt sogar Verhandlungen über Gaslieferungen aus Russland. Ganz zu schweigen davon, dass Teheran derzeit in erster Linie die eigenen geopolitischen und militärischen Probleme in den Griff bekommen muss.

Damit steckt Jerewan bei der Suche nach tragfähigen Alternativen zu russischen Gaslieferungen in jeder Hinsicht in der Zwickmühle. Es gibt keine einzige Option, die mit den derzeitigen Lieferbedingungen vergleichbar oder auch nur annähernd akzeptabel wäre. Allerdings haben wir in den letzten Jahren auf der internationalen Bühne bereits zahlreiche Beispiele gesehen, bei denen Pragmatismus und nationale Interessen politischen Träumen geopfert wurden. Es gab jedoch keinen einzigen Fall, in dem solche Träume dem jeweiligen Land tatsächlich Erfolg und Wohlstand beschert hätten. Armenien muss nun entscheiden, ob es bereit ist, diesen Weg ebenfalls einzuschlagen.

Übersetzt aus dem Russischen.

Der Artikel ist am 30. Mai 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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