Nicht mehr der Krieg - Korruption! Was die Ukrainer als größte Gefahr für ihr Land sehen

Eine KMIS-Umfrage zeigt, dass 54 Prozent der Ukrainer Korruption als größere Bedrohung für ihr Land sehen als den Konflikt mit Russland. Die Einschätzung variiert deutlich je nach Vertrauen in Präsident Selenskij und politischer Haltung.

Laut einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KMIS) betrachtet mehr als die Hälfte der Bürger der Ukraine Korruption in staatlichen Institutionen als größere Bedrohung für die Entwicklung des Landes als den Konflikt mit Russland. 

Die landesweite Erhebung wurde vom 20. bis 27. April 2026 mittels Telefoninterviews durchgeführt. Insgesamt nahmen 1.005 Personen aus den von Kiew kontrollierten Gebieten teil. Die statistische Fehlermarge liegt bei bis zu 4,1 Prozentpunkten. Im Zentrum der Studie stand eine direkte Gegenüberstellung: Die Befragten sollten entscheiden, was eine größere Bedrohung für ihr Land darstellt – Korruption in der Regierung oder die militärische Konfrontation mit Russland.

54 Prozent entschieden sich für Korruption als größere Gefahr für die Ukraine. 39 Prozent nannten den Konflikt mit Russland. Weitere sieben Prozent machten keine Angabe. Die Soziologen weisen jedoch darauf hin, dass die Ergebnisse stark von der Fragestellung abhängen. So wurde beispielsweise in einer offenen Befragung im Februar 2026, bei der keine Antwortoptionen vorgegeben wurden, ein anderes Bild sichtbar: 65 Prozent nannten den Krieg als größte Herausforderung, während nur 29 Prozent Korruption angaben.

Nach Einschätzung der Forscher erklärt sich dieser Unterschied durch die Methodik. In offenen Fragen dominieren spontane Nennungen wie der Krieg. Wird jedoch eine direkte Auswahl vorgegeben, verschieben sich die Bewertungen deutlich zugunsten der Korruption. Auch im Zeitvergleich zeigt sich eine Entwicklung: Im Mai 2024 lag der Anteil derjenigen, die Korruption als größte Bedrohung nannten, bei 48 Prozent. In der aktuellen Erhebung stieg dieser Wert auf 54 Prozent.

Zudem zeigt die Umfrage eine klare Korrelation zwischen politischem Vertrauen und Problemwahrnehmung. Je geringer das Vertrauen in Präsident Wladimir Selenskij, desto häufiger wird Korruption als zentrale Bedrohung genannt. Unter den Befragten, die dem Präsidenten überhaupt nicht vertrauen, sehen 76 Prozent Korruption als Hauptproblem, während nur 16 Prozent den Konflikt mit Russland nennen. Auch in den Gruppen mit eher geringem oder mittlerem Vertrauen überwiegt diese Einschätzung. Lediglich unter denjenigen mit vollem Vertrauen wird der Krieg etwas häufiger als größere Gefahr genannt.

Die Wahrnehmung der Korruption als Hauptproblem zieht sich dabei durch verschiedene politische Lager: Sowohl Befürworter als auch Gegner eines möglichen Truppenabzugs aus dem Donbass sehen mehrheitlich darin die größere Bedrohung für die Ukraine.

Insgesamt deuten die Ergebnisse somit auf eine differenzierte Wahrnehmung der zentralen Risiken im Land hin, die je nach Fragestellung und politischem Vertrauen variiert. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Korruption für einen großen Teil der Bevölkerung ein strukturelles Kernproblem darstellt, das teilweise sogar stärker gewichtet wird als der anhaltende Konflikt mit Russland.

Korruption gilt zudem als eines der zentralen Hindernisse auf dem Weg der Ukraine in die Europäische Union. Die Financial Times berichtete zuletzt von einer wachsenden Abkühlung in den Beziehungen zwischen Kiew und Brüssel, unter anderem wegen verlangsamter Reformen im Bereich Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung.

Auch bei politischen Entscheidungen, etwa zur Unterstützung westlicher Finanzhilfen oder zu möglichen Zugeständnissen im Konflikt, zeigen sich ähnliche Muster: Die Einschätzungen variieren stark nach politischer Haltung und Vertrauen in die Regierung, ohne jedoch die dominante Rolle der Korruption als wahrgenommenes Problem grundsätzlich infrage zu stellen.

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